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Eine sich spaltende Bewegung : Wie die „Aufstehen“-Basis auf den Rücktritt Wagenknechts reagiert

  • -Aktualisiert am

Sahra Wagenknecht ist die Galionsfigur der Bewegung. Bild: dpa

Nachdem „Aufstehen“ mit Wagenknecht ihre Anführerin verloren hat, offenbart sich, wie groß der Unmut in der Bewegung ist. Während ein Mitgründer mit der Führung abrechnet, fordern Teile der Basis, die Verantwortung an sie zu übergeben. Ein Besuch bei der Ortsgruppe in Wiesbaden.

          Am Whiteboard hängt ein „Aufstehen“-Transparent, Sticker und Kugelschreiber mit dem Logo liegen verteilt auf den Tischen, auf den Stühlen sitzen rund 20 Männer und Frauen, hauptsächlich mittleren Alters. Während der Sitzungsleiter, Martin steht auf seinem Namensschild, Zettel mit der Tagesordnung verteilt, herrscht Stimmengewirr in dem voll besetzten Raum des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Wiesbaden, in dem sich die „Aufstehen“-Ortsgruppe trifft. Für die Männer und Frauen gibt es an diesem Freitag im März einiges zu klären, wie es die Tagesordnung mit ihren zwölf Themenpunkten ankündigt. Auf dem Plan steht die Frage nach einer Vereinsgründung, ein Vortrag möglicher Bündnispartner sowie die Beteiligung an Demonstrationen zum Tag der Arbeit. Worüber die Mitglieder der von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht initiierten Sammlungsbewegung allerdings schon vor Sitzungsbeginn um 19 Uhr sprechen, ist der Tagesordnungspunkt „Wohin geht es mit Aufstehen?“: die Unklarheit darüber, wer nun eigentlich an der Spitze der Bewegung steht.

          Die Wiesbadener treffen sich zum ersten Mal, nachdem Sahra Wagenknecht Anfang März angekündigt hat, sich aus der Führung von „Aufstehen“ zurückziehen und die Verantwortung der Basis zu übertragen. Zumindest eines ist den Männern und Frauen der Wiesbadener „Aufstehen“-Gruppe an diesem Abend klar: dass sie sich weiter engagieren wollen. Überlegungen, ob man die Ortsgruppe nicht besser auflösen sollte, kommen gar nicht erst auf. Trotzdem ist bei einigen Mitgliedern die Enttäuschung über Wagenknechts Rücktritt groß. Vor allem bei jenen, die sich in der Diskussion offen als Sahra-Fans zu erkennen geben.

          Teile der Basis wollen sich von der Führung lösen

          Nina Schild ist eine von ihnen: Die 32 Jahre alte Beamtin findet, dass sich Wagenknecht zu früh aus der Bewegung zurückgezogen habe. „Ich bin mir unsicher, ob die Basis die Last schon schultern kann“, sagt Schild, die sich seit dem zweiten Treffen bei „Aufstehen“ in Wiesbaden engagiert und auch im Kreisvorstand der ansässigen Linken beteiligt. Sie hatte gehofft, dass Wagenknecht zumindest so lange in der Führung bleibe, bis sich auf der Basisebene basisdemokratische Strukturen etabliert hätten. In Wiesbaden hat nun der Gründer der Ortsgruppe kommissarisch die Leitung übernommen. Wie schwierig es ist, Strukturen möglichst demokratisch aufzubauen, zeigt sich am Freitagabend bei der Bestimmung eines Beauftragten für die Öffentlichkeitsarbeit. Der Sitzungsleiter schlägt ein Team vor, Vorschläge für andere Kandidaten oder Gegenstimmen kommen nicht auf. Ein Mann fragt nach der Benennung allerdings: „Wer ist das überhaupt?“

          Die Bewegung ist etwa ein halbes Jahr alt, nach eigenen Angaben haben sich rund 170.000 Unterstützer auf der Webseite registriert. Nach dem Rücktritt Wagenknechts breitet sich an der Basis Unmut aus, wie es die Wiesbadener Ortsgruppe schildert. Die „Aufstehen“-Anhänger spalten sich demnach in zwei Lager: Während ein Teil der Mitglieder zur Führungsetage aus Arbeitsausschuss, politischem Vorstand und Trägerverein hält, fordert ein anderer Teil der Bewegung, dass sich die Basis komplett von der Führungsetage, speziell dem Trägerverein, lösen solle.

          Im Zuge ihres Rücktritts ging Wagenknecht auf derartige Forderungen ein. Sie kündigte an, dass sich die Parteipolitiker zurücknehmen würden und sie die Bewegung an die Basis übergeben wolle. In Wiesbaden warten einige Teilnehmer ungeduldig darauf. „Bei wem liegen denn die Mailadressen der Mitglieder?“, fragt ein Mann mit Blick auf die „Aufstehen“-Leitung skeptisch. Einen Versuch, sich selbst unabhängig von der Führung zu organisieren, hat die Basis in Hessen an einem Samstag Ende März unternommen. Mehrere Ortsgruppen aus dem Umkreis von Mainz trafen sich in der Stadt zu einem sogenannten Vernetzungstreffen, mit dem Ziel, sich eigenständig zu organisieren. Zu dem Treffen kamen etwa 40 Vertreter aus zwölf Ortsgruppen.

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