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Ärzteschaft in der NS-Zeit : Im Giftschrank der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Jens Spahn spricht auf einer Gedenkfeier der deutschen Ärzteschaft zur Erinnerung an die Verfolgung jüdischer Ärzte im Nationalsozialismus. Bild: dpa

Schon 1933 wurde jüdischen und „andersdenkenden“ Ärzten in Deutschland ihre Zulassung entzogen. Dann kam die Pogromnacht. 80 Jahre später fragt sich die deutsche Ärzteschaft, wie das passieren konnte.

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          Dass er Präsident der Ärztekammer Hamburg wurde, liegt 24 Jahre zurück. Doch an den Schlüssel, den ihm sein Vorgänger in die Hand drückte, erinnert sich Frank Ulrich Montgomery genau. Das sei der Schlüssel zum Giftschrank. Als Montgomery den Tresor im Arbeitszimmer später öffnete, fand er keine Fläschchen, sondern vergilbtes Papier. Ein Foliant, bestehend aus Meldungen an den „Reichsärzteführer“, seitenweise maschinengetippte Namen und Adressen jüdischer Ärzte, denen die Approbation aberkannt worden war. Zu „Krankenbehandlern“ degradiert, durften sie nur noch Juden behandeln. „Das wurde noch 1994 in einem ,Giftschrank‘ aufbewahrt“, sagt Montgomery.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Es schwingt immer noch eine Mischung aus Empörung und Erstaunen mit, als er, seit vielen Jahren auch Präsident der Bundesärztekammer, die Begebenheit bei dem Gedenken der Ärzteschaft an die Reichspogromnacht vor achtzig Jahren erwähnt. In den neunziger Jahren war die Verwicklungen der Ärzteschaft in die Unrechtstaten des NS-Regimes lange bekannt – nicht nur rassistisch motivierte Menschenversuche oder die Unterscheidung in lebenswertes und nichtlebenswertes Leben, die jedem ärztlichen Ethos widersprechen. Doch die Ärzteschaft hat lange gebraucht, um sich mit der eigenen Verstrickung zu befassen. Erst 2012, Montgomery verschweigt das nicht, bekannte sie sich zu ihrer wesentlichen Mitverantwortung an Unrechtstaten der NS-Medizin.

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