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Geplante Widerspruchslösung : Wie sage ich „Nein“ zur Organspende?

  • -Aktualisiert am

Widerspruch nur durch den Organspendeausweis? Oder wird es bald auch andere Formen geben? Bild: dpa

Die Widerspruchslösung, mit der Gesundheitsminister Spahn die Zahl der Organspender erhöhen will, ist nicht allen geheuer. Doch in 20 EU-Ländern wird sie schon angewendet. Wie legen Bürger dort Widerspruch gegen eine Organspende ein?

          3 Min.

          Jetzt löst sie noch heftige Diskussionen aus, doch sollte sich die Widerspruchslösung in Deutschland durchsetzen, könnte hier bald jeder potentieller Organspender sein. Dann müssen Deutsche der Organspende nicht mehr explizit zustimmen, sondern umgekehrt Widerspruch einlegen. Einen Gesetzesentwurf hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dazu noch nicht. Er will die gesellschaftliche und parlamentarische Debatte abwarten. Also erst das „Ob“ und dann das „Wie“.

          Die Idee ist: Liegt kein Widerspruch vor, wird ein hirntoter Patient automatisch zum Organspender. Ist das nicht gewollt, muss irgendwo ein „Nein“ dokumentiert sein. Doch wie funktioniert das in der Praxis? Das Gesundheitsministerium hat dafür noch kein konkretes Konzept. „Wir befinden uns erst am Anfang einer Debatte. Die Details werden dann von den Abgeordneten diskutiert“, heißt es aus dem Ministerium auf Anfrage von FAZ.NET.

          Zumindest eine Form der möglichen Verweigerung ist in Spahns „doppelter Widerspruchslösung“ schon verankert. Diese sieht vor, dass auch Angehörige dazu berechtigt sind, die Organentnahme nach dem Tod des Patienten zu verweigern. Es geht aber auch noch anders – und zwar noch zu Lebzeiten des Patienten, wie im Ausland zu sehen ist.

          Registersystem in Spanien und Österreich

          In 20 EU-Ländern gibt es mittlerweile die Widerspruchslösung. In den meisten davon einigte man sich auf ein sogenanntes Widerspruchsregister. In Österreich gibt es die Widerspruchslösung bereits seit 1995. Seit 2016 ist die „Gesundheit Österreich GmbH“, ein Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen in Österreich, für das Speichern des „Nein“ zuständig. Das Unternehmen befindet sich komplett in staatlicher Hand. Denn alleiniger Gesellschafter ist das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz.

          Um der Organentnahme in Österreich zu Lebzeiten widersprechen zu können, stellt „Gesundheit Österreich“ auf ihrer Website ein Dokument zur Verfügung, das ausgefüllt und abgeschickt werden muss. Dafür müssen Bürger einige persönliche Daten übermitteln, wie etwa Name, Geburtsdatum, Sozialversicherungsnummer und gegebenenfalls ein gesetzlicher Vertreter. Gespeichert werden die Angaben in einer zentralen Datenbank, die der Datenschutzgrundverordnung unterliegt.

          „Der Gesetzgeber schreibt ein Festhalten des Widerspruchs in unserer Registrierstelle nicht unbedingt vor“, sagt ein Sprecher des Instituts. Möglich ist es auch, eine schriftliche Erklärung – wie etwa ein Organspendeausweis – bei sich zu tragen. Eine Registrierung sei aber dennoch am sichersten, denn die Krankenhäuser sind rechtlich dazu verpflichtet, bei jedem potentiellen Spender zu kontrollieren, ob ein Widerspruch in der Datenbank vorliegt.

          In der Praxis versuchen Krankenhäuser auch ohne dokumentierten Widerspruch die Zustimmung von Verwandten einzuholen. Gesetzlich dazu verpflichtet sind sie allerdings nicht. Auf ein Registriersystem hat man sich auch in Frankreich geeinigt. Dort ist ein Widerspruch durch Familienmitglieder ausgeschlossen.

          In Spanien, dem Vorzeigebeispiel deutscher Politiker in der Debatte um die Widerspruchslösung, hat sich das Register ebenfalls etabliert. Dort wurde der Prozess vollständig verstaatlicht und wird von der „Organización Nacional de Trasplantes“ (ONT) übernommen.

          Diese nationale Transplantationsorganisation untersteht dem Gesundheitsministerium und ist eng mit spanischen Krankenhäusern verbunden. „Nur 12,9 Prozent der Familien haben die Transplantation abgelehnt“, sagt Beatriz Dominguez-Gil, Leiterin der ONT. Mit 47,1 Spendern je eine Million Einwohner steht Spanien damit an der Spitze der Statistik für durchgeführte Organspenden.

          In Deutschland ist dafür unter anderem die „Deutsche Stiftung Organspende“ (DSO) zuständig. Zusammen mit Krankenhäusern und Transplantationszentren koordiniert die Stiftung die Organspende. Dort kann man sich ein Register als strukturelle Maßnahme zur Widerspruchslösung gut vorstellen. „Eine interessante, neue Ausgestaltung der Widerspruchslösung, die die Autonomie des Einzelnen in den Vordergrund rückt, wird 2020 in den Niederlanden umgesetzt“, sagt Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO.

          Demnach sollen niederländische Bürger wiederholt nach ihrer Meinung befragt werden, die anschließend in einem Register gespeichert wird. Bleibt eine Rückmeldung aus, speichert das Register, dass kein Widerspruch eingelegt wurde – und die jeweilige Person wird zum (potentiellen) Spender. „Mit dieser Form der Widerspruchslösung gewinnt die Organspende ein Stück Normalität.“, sagt Rahmel.  

          Wird sich also auch in Deutschland möglicherweise solch ein Register durchsetzen, sollte es zur Einführung der Widerspruchslösung kommen? Oder hält man weiterhin an einem Organspendeausweis fest, wie es etwa in Luxemburg der Fall ist? Möglich wäre ein expliziter Widerspruch auf dem gängigen Organspendeausweis im Übrigen schon jetzt.

          Wichtig bei der strukturellen Umsetzung ist für Rahmel vor allem eines: Die Entscheidung eines Einzelnen muss autonom sein, damit eine „Kultur der Organspende“ etabliert wird. Ohne durchdachte Infrastruktur sei es wirkungslos, die Widerspruchslösung einzuführen.

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