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Islam in Deutschland : Vom Gastarbeiter zum Muslim

Die DITIB-Zentralmoschee in Köln: Seit den Anschlägen von 9/11 ist der Islam ein wichtiger Teil Deutschlands. Bild: Frank Röth

Vor 2001 tauchten Muslime in Deutschland noch als ein exotisches Phänomen auf. Seit „9/11“ gehört der Islam fest zu Deutschland. Woran liegt das?

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          Auch schon vor 2001 war es in Deutschland in Mode, verschleierte Musliminnen auf Titelblättern von Zeitschriften abzudrucken. „Rätsel Islam“, raunte 1998 etwa „Spiegel special“ zu einer Titelillustration, welche die klassischen Elemente des westlichen Orientbildes miteinander verband: eine verschleierte Schönheit, deren Augenbraue die Form eines Krummsäbels besaß. Im Heft ging es dann vor allem um Themen wie Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ oder Islamismus im Nahen Osten. Muslime in Deutschland tauchten auch auf, aber am Rande, gleichsam noch als exotisches Phänomen.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Vergegenwärtigt man sich die Debatten, die seinerzeit über den Islam geführt wurden, so wirken sie sehr nah und sehr fern zugleich. Der Islam war für viele Deutsche damals wie heute eine Bedrohung – nur dass sie vor 2001 weitgehend von außen kam, während „das Andere“ heute, glaubt man den Parolen von Parteien wie der AfD, mitten „unter uns“ ist. Dies hatte insofern wenig mit der Realität zu tun, als nicht erst am 11. September 2001, mit den Terrorattacken in New York und Washington, die sich an diesem Sonntag zum 15. Mal jähren, eine islamische Präsenz in Deutschland begonnen hat.

          Hunderttausende Türken, Jugoslawen, Libanesen, Afghanen lebten seit mehreren Jahrzehnten im Land, es gab Moscheen und auch schon Islamverbände. Und es war auch schon zu Konflikten mit der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft gekommen, zu Streit über die Teilnahme muslimischer Mädchen am Schwimmunterricht, zu Parallelgesellschaften wie dem Kölner „Kalifatsstaat“ in den neunziger Jahren.

          Veränderte Selbst- und Fremdwahrnehmung der Muslime

          Allerdings hat sich sowohl die Fremd- als auch die Selbstwahrnehmung dieser Personengruppen substantiell verändert: Sie wurden von „Gastarbeitern“ zu „Migranten“, „Personen mit Migrationshintergrund“ oder „Muslimen“. Was die Fremdwahrnehmung betrifft, so handelte es sich meist um Zuschreibungen, die die Betroffenen sich nicht selbst ausgesucht hatten. Die stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts, die Berliner Politikwissenschaftlerin Sawsan Chebli, hat das kürzlich in der F.A.Z. so zusammengefasst: „Bis in die späten neunziger Jahre hinein war der Islam in Deutschland unsichtbar. Es gab hier und da eine Hinterhofmoschee, aber in der Öffentlichkeit spielte diese Gruppe keine Rolle, da stand die Wahrnehmung als ethnische Gruppe – Türken, Araber – im Vordergrund. Mit den Anschlägen vom 11. September hat sich das schlagartig verändert. Jeder, der Wurzeln im Nahen Osten oder in der Türkei hat, ist plötzlich, ob er wollte oder nicht, zum Muslim und zum Sprecher der muslimischen Community erklärt worden.“

          In dieser Hinsicht, so ließe sich behaupten, gehört der Islam seit dem 11. September 2001 zu Deutschland: als Bestandteil eines von den Ereignissen in Amerika – sowie dem Umstand, dass einige der Attentäter zuvor in Hamburg gelebt hatten – beeinflussten öffentlichen Diskurses über Einwanderung und Identität. Eines Diskurses, dessen Pole die Begriffe Sicherheit und Bedrohung bilden. Probleme wie die Unterdrückung von Frauen, die nicht in erster Linie etwas mit der Religion zu tun haben, sondern eher mit sozialen Faktoren wie mangelnder Bildung oder patriarchalen Verhältnissen, werden oft pauschal in einen Zusammenhang mit dem Islam gebracht. Andere wie eine islamistische Radikalisierung, die eindeutig religiöser Natur sind, werden pars pro toto auf die ganze Religion übertragen – etwa von manchen Vertretern der Islamkritik. Überspitzt formuliert: Nicht nur wurde jeder Türke oder Araber zum Muslim erklärt, zugleich wurde auch der Islam der Terroristen zum Islam an sich erklärt.

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