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Das Vernichtungswerk der Borkenkäfer

Text: REINHARD BINGENER, Fotos: PATRICK SLESIONA
Video: Patrick Slesiona/Bearbeitung FAZ.NET

8. Oktober 2020 · Ein Stück Wald im Harz war die Altersvorsorge von Hagen Kelle. Dann kam der Borkenkäfer. Wo früher Fichten standen, kann man heute bis zum Brocken schauen. Und seine 40 Hektar? Die will Kelle nur noch loswerden.

Auf einer Anhöhe im Harz steht Hagen Kelle und schaut hinüber zum Brocken. Das Problem ist: Er kann ihn sehen. Auch den Wurmberg. Kelle kann eigentlich alles sehen. Im Frühjahr standen hier noch gesunde Fichten. Und jetzt? Nichts. Um ihn herum kein Wipfel mehr, der seinen Blick verstellt.

Hagen Kelle trägt es mit Fassung, dass sein Wald durch Borkenkäfer vernichtet wurde. „Es nützt ja nichts, wenn ich hier in Heulkrämpfe verfalle“, sagt er. Kelle ist 53 Jahre alt. Ende April kamen die ersten Käfer angeflogen. Anfangs hat Kelle gekämpft und versucht, befallene Bäume so schnell wie möglich aus dem Wald herauszuholen. Doch irgendwann konnte Kelle seinen Bäumen nicht mehr helfen. Die Käfer haben seinen Waldbesitz fast vollständig vernichtet. Die Insekten fingen nicht einmal mit den schwächeren Fichten an, sondern machten sich gleich über die gesündesten Bäume her. Kelle sagt: „Das war nicht zu verteidigen.“

Blick auf eine gerodete Fläche in Hagen Kelles Wald, im Hintergrund der Brocken
Blick auf eine gerodete Fläche in Hagen Kelles Wald, im Hintergrund der Brocken
Blick auf eine gerodete Fläche in Hagen Kelles Wald, im Hintergrund der Brocken

Kelle steigt in seinen weißen Geländewagen und rumpelt weiter durch das Gelände oberhalb von Trautenstein. Links und rechts des Weges türmen sich die gestapelten Stämme drei, vier Meter hoch. „Das war alles meins, das ist alles weg.“ Kelle ist sich sicher, dass es vielen anderen Waldbesitzern genauso ergehen wird. Als selbständiger Forstsachverständiger hat Kelle einen recht guten Überblick, was im Harz gegenwärtig passiert, und seine Prognose ist düster. Kelle deutet auf eine Fläche mit grünen Fichten, die auf den ersten Blick intakt wirken. „Die sind alle schon tot, die wissen es bloß noch nicht.“ Kelle fährt nah an einen Baum heran. Unten am Stamm liegt feines braunes Mehl: Borkenkäfer bei der Arbeit. Die Fichte ist nicht mehr zu retten. Kelle fährt weiter zu einer anderen Stelle, direkt an die Front. „Hier links haben wir schon aufgegeben, rechts kämpfen wir noch“, sagt er. „Aber es sieht schlecht aus. In ein paar Jahren sieht der Harz überall aus wie bei mir.“

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