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Religiöse Wähler : Alternative für Christus

Höckes katholischer Sonderfall

Ein katholischer Sonderfall ist die AfD-Fraktion im Erfurter Landtag. Die beiden Stellvertreter Höckes im Fraktionsvorsitz, Stephan Brandner und Wiebke Muhsal, sind beide Juristen – und beide katholisch. Wie Höcke stammen auch sie nicht aus Thüringen, sondern sind in Nordrhein-Westfalen geboren. Unterdessen kümmert sich ein aus Thüringen stammender Absolvent der katholisch-theologischen Fakultät in Erfurt als Fraktionsmitarbeiter unter anderem um das Thema Religion und damit auch um den Islam. Ein langjähriger Vorsitzender des Pfarrgemeinderates der St.-Severi-Gemeinde auf dem Erfurter Domberg hat Höcke mehrfach als Anwalt zur Seite gestanden. Auch er stammt aus dem Westen.

Höckes katholische Fraktionskollegen: Wiebke Muhsal und Stephan Brandner

Nach der zweimaligen Verdunkelung des Domberges im vergangenen Herbst kamen einige „politisch interessierte Katholiken“ im Advent mit dem Erfurter Bischof Neymeyr zusammen – unter ihnen Insa-Gründer Hermann Binkert. Die Meinungen, so Binkert, gingen unter anderem darüber auseinander, ob das Bistum Erfurt gut daran tue, bei regierungsamtlichen Initiativen wie dem „Bündnis Mitmenschlichkeit“ im rot-rot-grünen Thüringen mitzuwirken.

Binkert, katholisch, in Südbaden geboren, war 2014 aus der CDU ausgetreten. Seit sich die Thüringer AfD-Landtagsfraktion vor zwei Jahren in den Räumen von Insa konstituierte, steht Binkert im Verdacht, der AfD nahezustehen – was er gegenüber dieser Zeitung vehement bestreitet: „Ich bin nicht AfD.“ Die Bereitstellung der Insa-Räumlichkeiten etwa bezeichnet er rückblickend als „großen Fehler“. Auch sei es ein falscher Eindruck, dass die AfD in dem Insa-Meinungstrend und dessen Interpretation in der „Bild“-Zeitung eher gut und die Union mit Merkel eher schlecht wegkäme.

Große Anziehung auf religiöse Wähler

Auftraggeber von Meinungsumfragen „erwarten nicht nur die Präsentation von Zahlen, sondern selbstverständlich auch deren Interpretation und daraus zu ziehende Schlussfolgerungen“. Die Mitbewerber machten es nach seiner Erfahrung als langjähriger Mitarbeiter in der Thüringer Staatskanzlei nicht anders, sagt Binkert. Er war vor der Bürgerschaftswahl in Bremen mit dem Rat zur Stelle, die AfD solle sich mit der Aussage „Der Islam gehört nicht zu Bremen“ profilieren.

Wenn Binkert über die CDU spricht, wirkt er engagierter als im Gespräch über die AfD. Der Union fehle die „Vielfalt“, die sie einst ausgezeichnet habe, sagt der Meinungsforscher. Über diese Entwicklung habe sie auch an Bindungskraft gegenüber Katholiken verloren. Und nun? Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen befürchtet die SPD, in ihren Hochburgen in Ostwestfalen evangelisch-freikirchliche Wähler an die AfD zu verlieren. Am Niederrhein möchte ein evangelischer Pfarrer im Ruhestand für die AfD in den Landtag. In Wuppertal tritt ein Presbyter für die AfD an – für Manfred Rekowski, den Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, eine „kolossale Überraschung“. Andere Töne wurden während der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) am Freitag in Bonn angeschlagen. Der vormalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnt davor, das Phänomen AfD zu unterschätzen. Die Anziehungskraft der „Alternative“ auch auf kirchlich engagierte Katholiken sei größer als gemeinhin vermutet. Der Erfurter Domberg, so heißt es im Bistum, würde wieder verdunkelt, sollte die AfD abermals auf den Domplatz ziehen.

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