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Gedenken an Anschlag : Aus der Trauer die Kraft

  • -Aktualisiert am

Ein Riss – nicht nur aus Bronze: Die Gedenkstätte auf den Stufen der Gedächtniskirche am Dienstag Bild: Reuters

Wie Angehörige der Opfer, Überlebende und Helfer gemeinsam an den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin vor einem Jahr erinnern – und Konsequenzen fordern.

          Stille lag am Vormittag über dem Breitscheidplatz, der schon viele Stunden vor dem Beginn der Gedenkveranstaltungen zum Terroranschlag vor einem Jahr abgesperrt war. Alle, die aus beruflichen Gründen dort waren, zeigten, bei äußerst verbindlichem Verhalten, angespannte Wachsamkeit, die das Publikum durchaus auch wahrnehmen sollte. Doch in einem der Busse, die den Kurfürstendamm entlang fahren, saßen tatsächlich Menschen, die gar nicht wussten, was an diesem Tag dort geschehen sollte und die laut maulten, dass sie früher als geplant aussteigen sollten.

          Auch unmittelbar an der Absperrung um die Gedächtniskirche hörte man Passanten mit Rollkoffern empört darüber schimpfen, dass sie einen Umweg zum Bahnhof Zoo oder zum Flughafenbus nehmen mussten. In dieser Stunde, an diesem Ort hatte diese arglose Ahnungslosigkeit fast etwas Tröstliches.

          Erst am frühen Nachmittag, nach dem Ende des offiziellen Gedenkens, konnten Berliner und Gäste an diesem angemessen trüben Tag ihre Anteilnahme dokumentieren und den neuen Gedenkort besuchen, an dem morgens Fotos der Getöteten, weiße Rosen und Kerzen niedergelegt wurden. Die nicht nachlassende Anteilnahme vieler hatte im Grunde unmittelbar nach dem Anschlag mit immer neuen Kerzen, frischen Blumen und Plakaten regelrecht erzwungen, dass an diesem Ort ein Gedenken eingerichtet wurde.

          Zwölf Menschen starben durch den mit einem Lastwagen verübten Terroranschlag eines Tunesiers vor einem Jahr. Siebzig wurden verletzt. Die Männer und Frauen, die spontan oder professionell zur Hilfe kamen, sind zum Teil bis heute seelisch beeinträchtigt.

          „Für ein friedliches Miteinander aller Menschen“

          Die Angehörigen der zwölf Menschen, die der Terrorakt tötete, weihten vor der Andacht den „Gedenkort“ ein. Alle Namen (und die Herkunftsländer) werden an den Stufen zur Gedächtniskirche genannt, ein 17 Meter langer Riss im Pflaster wird von einer goldfarbenen Bronzelegierung gefüllt; mit den Angehörigen wurde diese Riss geschlossen, von dem man hofft, dass er nicht nur beziehungsreich sein soll, sondern dass der Gedenktag in Berlin tatsächlich etwas dazu beitragen kann, was die Inschrift an den Stufen wünscht: „für ein friedliches Miteinander aller Menschen“.

          Es starben vor einem Jahr mitten im vorweihnachtlichen Berlin: Anna und Georgiy Bagratuni aus der Ukraine, Nada Cizmar aus der Tschechischen Republik, Fabrizia di Lorenzo aus Italien, Dalia Elyakim aus Israel, Lukasz Urban aus Polen und Sebastian Berlin, Christoph Herrlich, Klaus Jacob, Angelika Klösters, Dorit Krebs und Peter Völker. Lange hatte nur der Täter einen – allerdings seit seiner Tat infamen – Namen, während die Toten, ihre Namen, Gesichter, Schicksale, unbekannt blieben.

          „Die Politik“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der nichtöffentlichen Andacht in der Gedächtniskirche, „die Politik darf nicht zu eilfertig sagen, dass es in unserer offenen Gesellschaft keine vollkommene Sicherheit geben kann, so richtig diese Erkenntnis auch ist. Wir müssen zuerst aussprechen und anerkennen, wo vermeidbare Fehler geschehen sind. Das ist es, was uns nicht ruhen lassen darf. Unsere Haltung muss sein: Dieser Anschlag hätte nie passieren dürfen. Und ja, es ist bitter, dass der Staat Ihre Angehörigen nicht schützen konnte.“

          Am Abend vor dem Jahrestag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Angehörigen eingeladen, die Anfang des Monats einen offenen Brief in der Zeitschrift „Der Spiegel“ veröffentlicht hatten, in dem sie massive Kritik an der Arbeit der deutschen Sicherheitsbehörden übten, die den Attentäter nicht aufgehalten hatten, was möglich gewesen wäre, und in dem sie kritisierten, dass Merkel „auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert habe“.

          Es sei, so Merkel am Tag darauf, „ein sehr offenes“, aber auch „sehr schonungsloses Gespräch“ gewesen. In einigen Monaten werde man sich wieder treffen, sagte Merkel, und darüber sprechen, was die politisch Verantwortlichen gelernt haben. Der Dienstag sei „ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen“.

          Beck: Deutschland war „nicht ausreichend vorbereitet“

          Der Sonderbeauftragte Bruno Jost nannte im Oktober in seinem Bericht an den Berliner Innensenator Andreas Geisel vieles, was den Behörden – nicht nur den Berliner – im Umgang mit dem Attentäter nicht hätte passieren dürfen. Kurt Beck, der Opferbeauftragte der Bundesregierung, forderte in seinem Bericht – und abermals in seiner Rede vor dem Abgeordnetenhaus – eine Anpassung der gesetzlichen Regeln für die Opferentschädigung. Sie blieben weit hinter dem zurück, was in anderen – terrorerprobteren – Ländern üblich sei. In der Gedenkstunde des Berliner Parlaments bedankte er sich bei den Überlebenden und Angehörigen für das Vertrauen, das sie aufgebracht hätten, als sie mit Politikern über den schrecklichen Abend und die vielen Versäumnisse seither ins Gespräch kamen.

          Beck fasste zusammen, was seit dem 19. Dezember 2016 evident ist: „Wir waren, das muss man konstatieren, in Deutschland nicht ausreichend vorbereitet“. Ähnlich äußerte sich auch Justizminister Heiko Maas am Dienstag: „Wir waren nicht ausreichend auf die Folgen eines solchen Terroranschlags für die Betroffenen vorbereitet. Dafür können wir uns bei den Opfern und Hinterbliebenen nur entschuldigen.“

          Nach Ansicht von Innenminister Thomas de Maizière haben die deutschen Sicherheitsbehörden seit dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz jedoch gelernt: Im vergangenen Jahr sei viel dafür getan worden, „damit so etwas nicht noch einmal passiert“, twitterte er am Dienstag. Ähnlich bewertet Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller die Lage: „Wir haben nach dem Anschlag vieles sehr genau überprüft und da, wo es erforderlich war, gezielt verbessert. In der Verwaltung, in der Justiz, in der Polizei“. De Maizière wie Müller betonten: „Es gibt keine absolute Garantie gegen Terroranschläge“.

          An der Andacht nahmen neben etwa 80 Angehörigen der Getöteten, Überlebenden und 40 Helfern auch Merkel, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und etliche Minister ihres geschäftsführenden Kabinett teil – sowie die evangelischen und katholischen Landesbischöfe Martin Dröge und Heiner Koch, ein Rabbiner, ein Imam sowie Mitglieder des Berliner Senats teilnahmen.

          Steinmeier hatte während der Andacht darüber gesprochen, das die Sätze „Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir opfern unsere Freiheit nicht der Furcht. Wir leben weiter wie bisher, jetzt erst recht“, die unmittelbar nach dem Anschlag gesagt wurden, nicht nur tapfer, „trotzig und selbstbewusst“ sind, sondern durchaus auch „seltsam kühl und abgeklärt“ klingen können. Auf die Angehörigen hätten sie gewirkt „wie ein Abwehrreflex, wie der allzu routinierte Versuch, den Schock zu unterdrücken, statt ihn auszuhalten“. Es wäre besser gewesen, „innezuhalten, um die Trauer und den untröstlichen Schmerz auch öffentlich zuzulassen“.

          Eine Minute Glockenläuten für jedes Opfer

          Michael Müller, gegenwärtig zugleich Präsident des Bundesrats, tat am Dienstag den Schritt, auf den wohl viele seit dem Anschlag vor einem Jahr gewartet haben. Er entschuldigte sich. Er sagte im Abgeordnetenhaus, an die Familien der Getöteten und die überlebenden Opfer gewandt: „Als Regierender Bürgermeister bitte ich Sie, die Angehörigen und Verletzten, für diese Fehler um Verzeihung“, sagte Müller. „Wir können nun ahnen, wie tief Ihr Schmerz sitzt und dass das auch Wut auslöst.“

          Zuvor hatte Müller einige Fehler und „schwere Versäumnisse“ aufgezählt: „Verwaltungshandeln, das sie als demütigend empfinden mussten“, das Fehlen von Ansprechpartnern, die schwere Pannen bei der Verfolgung des Attentäter. „Als Staat müssen wir all dies auf Bundes- wie Landesebene selbstkritisch aufarbeiten und aus unseren Fehlern lernen“, sagte Müller. Er sagte zu, dass Berlin eine zentrale Anlaufstelle für Opfer von Gewalttaten einrichten werde.

          Der traurige Tag des Gedenkens an den Terroranschlag sollte, falls das nach den vielen staatlichen Versäumnissen, Taktlosigkeiten und Fehlern irgend möglich sein sollte, auf einer versöhnlichen Note enden, mit einem öffentlichen Friedensgebet, abermals in der Gedächtniskirche. Erst an diesem Mittwoch wird der Weihnachtsmarkt um die Kirche herum wieder öffnen. Müller erinnerte an den Namensgeber des Platzes, den sozialdemokratischen Politiker Rudolf Breitscheid, der im französischen Exil an die Gestapo verraten wurde und bei einem Luftangriff 1944 im Konzentrationslager Buchenwald getötet wurde.

          Blumen und Kerzen am Berliner Breitscheidplatz erinnern an den Terroranschlag vom 19. Dezember 2016.

          Danach wurde zur Friedenskundgebung auf dem Platz eingeladen, mit einem Lied der Sängerin Jocelyn B. Smith und einer Lichterkette. „Wo Menschen zusammenstehen, sich gegenseitig trösten, nicht zulassen, dass die Taten der Gewalt Hass in die Herzen sähe, da ist heute schon das Licht zu spüren, das die Dunkelheit besiegt“, hatte Bischof Dröge am Morgen gesagt.

          Kurt Beck bat die Angehörigen und Betroffenen während der Veranstaltung im Berliner Landesparlament darum, die Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Attentats als „Zeichen der Anteilnahme“ der gesamten Gesellschaft annehmen zu können. Dieser Tag gehöre der Trauer. Er hoffe jedoch, dass aus „gemeinsamer Trauer auch so etwas wie gemeinsame Kraft“ werden könne.

          Auch Steinmeier formulierte eine solche Hoffnung. „Dass wir miteinander traurig, miteinander wütend, miteinander fassungslos sind – auch das gehört zum Zusammenhalt, den wir brauchen, um gemeinsam unsere Freiheit zu verteidigen“, sagte er am Vormittag, er hoffe, sagte er zu den Angehörigen, „dass Sie diesen Zusammenhalt, diese Solidarität heute spüren können, hier in der Gedächtniskirche, auf dem Breitscheidplatz, überall in Berlin. Ihre Trauer, auch Ihre Enttäuschung und erst recht Ihre Hoffnung sind an uns alle gerichtet“.

          Zwölf Minuten lang, beginnend um 20.02 Uhr, als vor einem Jahr der Anschlag geschah, läuten am Dienstagabend die Glocken der Gedächtniskirche, eine Minute lang für jeden der Menschen, die damals ihr Leben verloren.

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