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Poliklinik Mitte in Halle : Disziplinierung in der „Tripperburg“

Anerkennung für den Kampf gegen „Asoziale“: Der Direktor der Poliklinik Mitte in Halle, Gerd Münx, gratuliert einer Krankenschwester. Das Bild entstand um 1955 Bild: Foto Archiv

Nach außen war es eine geschlossene Station für Geschlechtskranke. Doch in der Poliklinik Mitte in Halle wurden zu DDR-Zeiten auch gesunde junge Frauen eingesperrt und misshandelt.

          9 Min.

          Das gedrungene zweistöckige Gebäude in der Kleinen Klausstraße 16 liegt nur wenige Schritte vom Markt entfernt im Zentrum Halles. Es ist ein verlassener Altbau, zu dem der heutige Eigentümer keinen Zutritt gestattet. Zu DDR-Zeiten dagegen war hier Begängnis; Patienten, Krankenschwestern, Ärzte wuselten über die Gänge der Poliklinik Mitte, die hier und in den angrenzenden Gebäuden untergebracht war. Die wenigsten allerdings wussten, was hinter den verschlossenen Türen im zweiten Stock vor sich ging. Nur ab und an waren die Frauen von dort zu sehen, manchmal mit kurzgeschorenen Haaren, immer in grau-blauen Arbeitskitteln. Dann wurde viel getuschelt.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Auch Bettina Weben war ahnungslos, als sie 1968 hierherkam oder vielmehr gebracht wurde. Sie war 17 Jahre alt und lernte in Halle Handelskauffrau. Es war Sommer, das Leben lag vor ihr. Gemeinsam mit einer Freundin ging sie aus, beide freundeten sich mit zwei jungen Ungarn an, die als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren und einen Hauch Exotik in das seit sieben Jahren abgeriegelte Land brachten. „Nach einigen Treffen haben sie uns eingeladen und für uns ungarisch gekocht“, erzählt Bettina Weben. „Und dann sind wir über Nacht bei ihnen im Wohnheim geblieben.“

          Am nächsten Morgen trauten sie sich nicht zurück, ihr Lehrlingswohnheim erlaubte Ausgang nur bis 19 Uhr, jetzt fürchteten sie Konsequenzen - und blieben einfach bei den Ungarn. „Sicher war das naiv“, sagt Weben. Denn nun schwänzten sie auch die Lehre, und das fiel doppelt auf. Am dritten Tag stand die Polizei vor der Tür und nahm sie mit. Doch statt zurück ins Wohnheim brachten die Polizisten sie in die Poliklinik Mitte. „Da war eine Glastür, eine Schwester öffnete und schloss hinter uns wieder zu“, sagt Bettina Weben. „Wir waren perplex, wussten nicht, wo wir sind.“

          Alles sah nach Knast aus

          Sie mussten sich ausziehen und alle Sachen abgeben; eine Schwester reichte ihnen graublaue Kittel. Fragen beantwortete sie keine, auch nicht im Behandlungszimmer. „Wir wurden rasiert mit stumpfen Klingen, es tat weh und brannte fürchterlich“, erinnert sich Weben. Und noch immer wussten sie nicht, wo sie waren. „Wir fühlten uns schuldig, klar, weil wir weggeblieben waren. Aber wir haben nicht verstanden, was wir sonst noch falsch gemacht haben, dass sie uns hierherbrachten und so behandelten.“

          Beide wurden in getrennten Schlafräumen untergebracht, in denen bereits andere Mädchen und Frauen auf ihren Betten saßen. Dreißig Plätze hatte die Station, die Zimmer waren spartanisch eingerichtet, einfache Metallbetten, gestreifte Krankenhaus-Bettwäsche, je ein Tisch, grünes Linoleum - und vergitterte Fenster. „Wo sind wir hier?“, fragte Weben ihre Mitpatienten. Oder waren es Mitgefangene? „Alles sah eher nach Knast aus als nach Krankenhaus“, erinnert sie sich. „Willkommen in der Tripperburg“, sagten die anderen. Bettina Weben hörte das Wort zum ersten Mal.

          „Kurbeldora“ nahm immer das dickste Glasrohr

          Offiziell firmierte die Einrichtung als „Geschlossene venerologische Station der Poliklinik Mitte“. Hier wurden Geschlechtskrankheiten behandelt. Nichts Ungewöhnliches für die damalige Zeit. Nicht nur die Medizin war damals aber anders. Das Thema Geschlechtskrankheiten war gesellschaftlich tabu. Auch die Bundesrepublik und andere Länder isolierten Geschlechtskranke, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. In Hamburg und Bremen etwa gab es ähnliche Stationen zur Behandlung von erkrankten Prostituierten.

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