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Grippewellen 1957 und 1968 : Die Epidemien, von denen kaum jemand etwas mitbekam

Menschen stehen vor der Ortskrankenkasse in Nürnberg 1957 Schlange, um sich Krankengeld auszahlen zu lassen. Bild: dpa

1957 und 1968 gab es jeweils große Grippe-Epidemien. Allein in Deutschland gab es Zehntausende Tote – doch Politik und Medien ignorierten die Gefahr größtenteils.

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          Am 11. September 1957 brachte die F.A.Z. einen Bericht in ihrem Rhein-Main-Teil unter der Überschrift: „Die Asiatische Grippe ist harmlos.“ Zitiert wurde darin der Sprecher des Hygienischen Instituts der Frankfurter Stadt- und Universitätskliniken. Er stellte fest, dass diese Grippe so harmlos verlaufe, dass sich kein Arzt die Mühe mache, das Institut zu benachrichtigen, geschweige denn Blutproben zu entnehmen. Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes äußerte im selben Artikel, es handele sich bei den grassierenden Erkrankungen gar nicht um die Asiatische Grippe, sondern nur um „etwas heftigere Erkältungen“. Am darauffolgenden Tag vertraten in der Zeitung Ärzte die Meinung, dass es sich bei der Grippe, die sich gerade in vielen deutschen Städten ausbreite, keineswegs um eine Epidemie handele, sondern um eine durch das nasskalte Wetter bedingte „saisonbedingte Erscheinung“.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nicht so recht passen wollte dazu ein Bericht, der drei Tage später auf eine der hinteren Seiten erschien. Im Ruhrgebiet seien 70.000 Bergarbeiter an der Grippe erkrankt. In vielen Ruhrstädten sei der Unterricht an Grundschulen und „höheren Lehranstalten“ abgesagt worden. In Essen seien 30.000 Schulkinder grippekrank, hieß es einige Tage später, in Hamburg zahlreiche Schulklassen wegen der Grippe geschlossen worden. Dennoch beharrten die offiziellen Verlautbarungen darauf, dass es sich keinesfalls um eine Epidemie handele. Die Asiatische Grippe sei „nur wegen ihres geheimnisvollen Namens so gefürchtet“, hieß es etwa in Frankfurt. Auch das Bundesinnenministerium befand Ende September 1957, die Epidemie sei „teilweise in der Öffentlichkeit dramatisiert worden“. Dazu aber gebe es keinen Anlass. Dass Bundeskanzler Konrad Adenauer, mit mehr als 80 Jahren zur Risikogruppe gehörend, wegen seiner Grippe zeitweise von seiner Residenz in Rhöndorf statt in Bonn regierte, spielte in den öffentlichen Verlautbarungen keine Rolle.

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