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Widerstand gegen Hitler : Streit über die Erinnerung

Streikaufruf: Die als „Mössinger Generalstreik“ bezeichneten Aktionen eines großen Teils der Arbeiterschaft im seinerzeit von der Textilindustrie geprägten württembergischen Mössingen gelten als der einzige Versuch in Deutschland, die Machtergreifung Adolf Hitlers nach dessen Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 noch zu verhindern. Bild: Foto Sammlung Museum Mössingen

Am 31. Januar 1933 protestierten in Mössingen an der Schwäbischen Alb kommunistische Arbeiter gegen die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Wie rühmlich diese Tat des Widerstands war, darüber streiten die Mössinger jetzt anlässlich einer Ausstellung.

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          Der Kreuzriemen aus Leder hat es Hermann Berner, dem Leiter des Städtischen Museums, angetan. Er gehörte Karl Maier aus Mössingen, einem kleinwüchsigen kommunistischen Arbeiter. Maier fixierte mit dem Riemen seine Trommel vor dem Bauch, wenn er an Demonstrationen der KPD teilnahm. Karl Maier gehörte zu den etwa hundert kommunistischen Arbeitern, die am 31. Januar 1933 in Mössingen dem Aufruf der Berliner KPD zum Generalstreik folgten.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. In Stuttgart oder Köln blieb der Aufruf folgenlos. Nur in Mössingen, einem kleinen Dorf am Rande der Schwäbischen Alb mit drei Textilfabriken, zogen Arbeiter am 31. Januar vor die Pausa-Textilfabrik. Bis in die siebziger Jahre hinein war dieser Akt des kommunistischen Widerstands kaum beachtet worden. In dem 1973 veröffentlichten Heimatbuch der Stadt findet sich vom „Mössinger Generalstreik“ kein Wort. Dann kam die von 1968 geprägte Studenten- und Historiker-Generation - auf einmal gab es das „rote Mössingen“. „Die Nazis haben Fahnen und Trommeln der Teilnehmer des Generalstreiks beschlagnahmt, nur Karl Maier bekam seinen Kreuzriemen zurück, den hatte er sich selbst gekauft, der war Privateigentum. So gründlich ist der deutsche Staat“, erzählt Berner bei einer Führung durch die Ausstellung „Mössingen, 31. Januar“. Am Donnerstagabend wird sie eröffnet.

          Mössinger empört über „einseitige Sicht“

          Für die Ausstellung hat Berner Devotionalien der kommunistischen Antifaschisten gesammelt. „Die Ausstellung und das Buch sind mit einer gewissen Sympathie gemacht, ich empfinde auch für Stauffenberg Sympathie, der hatte auch keine hochdemokratischen Ziele“, sagt Berner. Die Ausstellung zeichnet die Biographien einzelner Arbeiter nach. Gezeigt werden Gürtelschnallen, Briefe und die Mitgliedsbücher der Roten Hilfe. Über die Mitverantwortung der KPD beim Niedergang der Weimarer Republik, über das totalitäre Politikverständnis der KPD erfährt man nichts. „Es schreibt doch niemand: ,Hoch lebe die KPD’ oder ,Stalin war ein guter Mann’“, sagt Berner.

          Doch immer mehr Mössinger Bürger regt diese einseitige Sicht auf den 31. Januar 1933 auf. Sie kritisieren die „Heroisierung des kommunistischen Widerstands“ und auch die Berichterstattung des „Schwäbischen Tagblatts“. In der vergangenen Woche erschien im Amtsblatt der Stadt eine Anzeige: „Nie wieder Diktatur auf deutschem Boden! Erklärtes Ziel der Demonstration vom 31. Januar 1933 war die Absetzung Hitlers als Reichskanzler, aber auch die Errichtung eines Arbeiter-und-Bauern-Staates und damit die Abschaffung der Weimarer Demokratie“, heißt es darin. Ein Riss geht nun durch die Mössinger Bürgerschaft, eine Bürgerinitiative fordert ein differenziertes Geschichtsbild

          „Kein Streik, sondern ein Flop“

          „Die Idee einer Streikaktion gegen Hitler war respektabel, das ist auch erinnerungswürdig. Aber es war gar kein Generalstreik, es war ein Flop“, sagt Marc Eisold, Arzt und Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Die Arbeiter der Pausa-Textilwerke hätten von den jüdischen Fabrikbesitzern freibekommen, die Mehrheit der Arbeiter habe sogar gegen einen Streik gestimmt, der Begriff „Streik“ sei deshalb falsch. „Mit totalitären Gedanken kämpfte die KPD gegen die totalitären Nazis“, sagt Eisold. Die Bürgerinitiative will sogar Beweise haben, dass die DDR bis 1989 die Mössinger Bemühungen zur Aufarbeitung des Generalstreiks finanziell unterstützt habe. „Meine Großmutter war Augenzeugin. Ich lasse mir nicht von anderen sagen, welche Erinnerungen meine Vorfahren hatten“, sagt Eisold.

          Die Rezeptionsgeschichte des Generalstreiks fehlt in der Mössinger Ausstellung ebenso wie der Hinweis darauf, dass KPD und NSDAP die maßgeblichen politischen Kräfte waren, die den Untergang der Weimarer Republik zu verantworten hatten. „Was wir jetzt brauchen“, sagt Marc Eisold, „ist eine Erinnerungskultur, in der sich alle Bürger wiederfinden, bitte ohne Zensur.

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