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Militäreinsätze : Was der Westen aus Afghanistan gelernt hat

Deutsche Fallschirmjäger werden, wie hier in Kundus 2008, auch weiterhin in Einsätze geschickt werden. Bild: dpa

In ein paar Tagen wird die Nato ihre Kampftruppen aus Afghanistan abziehen. Es ist das Ende einer Epoche. Nationenbildung im großen Stil wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Doch andere Krisen zwingen den Westen wieder zu Entscheidungen.

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          Wenn die Nato zum Jahreswechsel ihre Kampftruppen aus Afghanistan abzieht, dann endet eine Epoche – nicht nur für das Land, sondern für die Weltpolitik insgesamt. Zwar wird es weiter Kriege geben, kleine wie große, ferne und nahe. Doch kann man relativ gewiss sein, dass sich der Westen, hier in Gestalt der Nato, in absehbarer Zeit nicht noch einmal auf einen breitangelegten Militäreinsatz zur Nationenbildung einlassen wird. Das Erzwingen von Demokratie und Rechtsstaat am Hindukusch war mit extrem hohen Kosten verbunden, für die Truppensteller ebenso wie für die heimische Bevölkerung. „Gelohnt“ hat sich das allenfalls zum Teil.

          Nikolas Busse
          Verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Es ist eine ironische Wendung der Geschichte, dass diese Erkenntnis am Ende einer Operation steht, die ganz anders geplant war. Nationenbildung mache er nicht, lautete ein Grundsatz des damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush, der in Afghanistan nur Al Qaida zur Strecke bringen wollte. Weil das allein keine Stabilität brachte, mussten sich westliche Soldaten doch an den Aufbau eines Gemeinwesens machen, genauso wie im Irak. Konzeptionell blieb Bush damit ein Kind seiner Zeit. Der außenpolitische Diskurs in den Vereinigten Staaten und weiten Teilen Europas beruhte nach dem Ende des Kalten Krieges auf der Überzeugung, dass die Welt sicherer und besser würde, wenn mehr Gesellschaften den Grundsätzen des liberalen Rechtsstaats folgen würden. Rechte Machtpolitiker und linke Menschenrechtler standen sich da oft näher, als sie sich eingestehen wollten.

          Die vielen großen und kleinen Interventionen, die dieses Denken hervorgebracht hat, waren nur zum geringeren Teil erfolgreich. Am besten lief es noch auf dem Balkan, aber der unterscheidet sich in einer wichtigen Hinsicht von den anderen Fällen: In Bosnien oder im Kosovo ließen sich die lokalen Eliten durch die Aussicht auf die EU-Mitgliedschaft mäßigen, auch wenn die Militäreinsätze dort bis heute nicht abgeschlossen sind. In der islamischen Welt gibt es keinen vergleichbaren Anreiz, so dass sich vormoderne Traditionen immer wieder durchsetzen konnten – und können. Mischt sich das mit regionalen Konflikten, wie im Irak, dann kann ein westliches Aufbauwerk über Nacht wie ein Kartenhaus zusammenfallen.

          Auch die Nachbarn müssen aufgebaut werden

          In Afghanistan ist das bisher nicht geschehen. Aber die Wirklichkeit des Isaf-Einsatzes hat die Idee der militärisch abgesicherten Nationenbildung stark diskreditiert. Die vielen afghanischen Mädchen, die heute (wieder) die Schule besuchen dürfen, stehen Tausenden Opfern von Anschlägen und Kämpfen gegenüber. Dass die meisten von den Taliban getötet wurden, hat in der öffentlichen Betrachtung am Ende keine Rolle mehr gespielt. Die Bevölkerungen der ausländischen Truppensteller wollten den Einsatz nicht mehr – die Mehrheit der Afghanen will ihn auch nicht mehr. So überlässt die Nato das Land den einheimischen Sicherheitskräften, obwohl nicht einmal sie selbst eine Verbesserung der Sicherheitslage erwartet.

          Dass es nicht einfach ist, aus dieser Erfahrung Lehren zu ziehen, zeigte der kurze Luftkrieg, auf den sich das westliche Bündnis vor drei Jahren in Libyen einließ. Wieder führte eine Mischung aus humanitären und strategischen Motiven zu einer Intervention; diesmal schlug das Pendel aber in die andere Richtung aus: Westliche Heeressoldaten wurden nicht auf libyschem Boden eingesetzt, die Allianz warf ihre Bomben ab und überließ das Land danach sich selbst. Das führte zu keinem besseren Ergebnis. Libyen ist heute ein gespaltenes, von Milizen und Terroristen bedrängtes Land, in dem weiter gekämpft wird.

          Und nun? Viele Politiker dürften gehofft haben, dass es nach Afghanistan erst einmal überhaupt keine Auslandseinsätze mehr geben werde; nicht nur bei den Wählern in Deutschland würde das gut ankommen. Aber die Krise in der Levante hat den Westen schnell wieder zum Handeln gezwungen. Es blieb nicht einmal Zeit zum „strategischen Nachdenken“. Gerade für Europa stellt der sogenannte „Islamische Staat“ eine unmittelbare Bedrohung dar, vielleicht unmittelbarer, als es die Terrorlager am Hindukusch jemals waren: Der Dschihad-Tourismus junger Europäer ist zu einem ernsten Sicherheitsproblem geworden.

          Unter dem Druck der Ereignisse hat sich Präsident Obama für ein Modell entschieden, das ohne Nationenbildung auskommt. Wie in Libyen wird wieder aus der Luft eingegriffen; diesmal sollen aber systematisch heimische Truppen für den Kampf am Boden ausgebildet und ausgerüstet werden. Es ist aus heutiger Sicht schwer zu sagen, ob das gelingen wird. Im Irak gibt es Reste einer Armee, auf die man aufbauen kann, in Syrien nicht einmal das. Aber wenn man nicht wieder ganze Länder besetzen will, dann scheint es einen Versuch wert zu sein. Die Operation „Inherent Resolve“ hat außerdem noch einen anderen Vorzug: Am Luftkrieg sind diesmal auch die regionalen Mächte beteiligt, zum Beispiel Saudi-Arabien und Qatar. Das ist ein wichtiger Schritt, um diese Länder aus der Zuschauerrolle zu holen, in der sie oft ein doppeltes Spiel gespielt haben. Die Nationen, die aufgebaut werden sollen, sind Nachbarn.

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