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Westerwelles Krebs-Erkrankung : Appelle an einen großen Kämpfer

  • -Aktualisiert am

Nicht ganz ohne Politik: Guido Westerwelle im Büro seiner Stiftung im Mai in Berlin Bild: Martin Lengemann/laif

Der frühere Außenminister Guido Westerwelle unterzieht sich wegen seiner Leukämie-Erkrankung einer Chemotherapie in Köln. Freunde wie politische Gegner erinnern bei ihren Genesungswünschen an die Stärke und den Selbstbehauptungswillen des FDP-Politikers.

          Angela Merkels Reaktion war gleichermaßen Charakterisierung und Aufmunterung: Sie kenne Guido Westerwelle „seit langen Jahren als großen Kämpfer“, ließ die Bundeskanzlerin am Freitag mitteilen, als dessen Stiftung die Nachricht verbreitete, der ehemalige Außenminister sei an akuter Leukämie erkrankt.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Der langjährige FDP-Bundesvorsitzende hatte da selbst erst seit einem Tag Gewissheit über die Diagnose, die ein Zufallsfund war. Westerwelle hatte sich wegen Knieschmerzen untersuchen lassen. Seit Freitag befindet er sich zur Chemotherapie in der Universitätsklinik in Köln, wo er – neben Berlin und Mallorca – gemeinsam mit seinem Lebenspartner Michael Mronz seinen Wohnsitz hat.

          Als Kämpfer kennen ihn die meisten, Freunde wie politische Gegner. Was immer die Leute im einzelnen über ihn denken – Respekt vor seinem politischen Durchsetzungswillen ist quasi der gemeinsame Nenner. Er selbst hat diese Eigenschaft einmal als Selbstbehauptungswillen beschrieben – eingeimpft in einer schwierigen Adoleszenz. An diese Stärke erinnern nun viele derer, die ihm Genesungswünsche zukommen lassen.

          „Clean Cut“ nach dem Ausscheiden aus der Politik

          Wer Westerwelle in den vergangenen Wochen traf, dem begegnete ein gutgelaunter Mann. Auf Fragen nach seinem Befinden, nun in seinem Leben außerhalb der Politik, antwortete er ostentativ: „Blendend! Ich hoffe, Ihnen auch.“ Ihm war die Botschaft wichtig, dass er nicht für das normale Leben habe resozialisiert werden müssen. In einem Gespräch mit Ulf Poschardt in der Zeitung „Die Welt“ sagte er vor drei Wochen, er sei nicht in das „berühmte schwarze Loch gefallen“.

          Freilich war es ihm, dem Öffentlichkeit stets wichtig war, ein Anliegen hinzuzufügen: „Anders als Journalisten meinen, nimmt die Lebensqualität mit weniger Presse nicht ab, sondern zu“. Den Übergang Ende vergangenen Jahres bezeichnete er als „clean cut“. Tatsächlich war sein Ausscheiden aus der Politik gut vorbereitet, auch wenn letztlich vieles anders kam als erwartet.

          Anderthalb Jahre vor der Bundestagswahl im vergangenen Herbst äußerte sich Westerwelle eher ironisch über seine Aussichten auf eine zweite Amtszeit. Zwar war er mittlerweile im Auswärtigen Amt angekommen, doch nach seiner Ablösung nach zehn Jahren als FDP-Vorsitzender im Frühjahr 2011, war es mit seiner Partei nochmals bergab gegangen.

          Im Herbst 2012 allerdings verfolgte er zunächst mit Erstaunen und dann wohl auch mit aufkeimender Hoffnung, wie sich die SPD und ihr Kanzlerkandidat Peer Steinbrück selbst erledigten, noch bevor der Wahlkampf begonnen hatte. Der Gedanke, es könnte am Ende – gegen jede Erwartung – doch noch einmal reichen für Schwarz-Gelb, kam auf. Je näher der Wahltermin rückte, umso ungeduldiger wurde Westerwelle allerdings. Denn diejenigen in der FDP, die nun Verantwortung trugen, hielten die Partei nicht im Gespräch. Man finde nicht statt, klagte er, dem als Außenminister die Hände gebunden waren, intern. Das Ergebnis vom 22. September 2013 überraschte ihn daher nicht. Geschockt war er gleichwohl.

          Stiftung als neue Aufgabe

          In den Wochen der Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen, in denen er als geschäftsführender Minister das Amt verwaltete und nur noch wenige Reisen machte, wurden frühere Zukunftspläne konkretisiert. Schon bei der Amtsübergabe an Frank-Walter Steinmeier Mitte Dezember verabschiedete sich Westerwelle demonstrativ mit den Worten: „Auf Wiedersehen“.

          Kurz darauf wurde klar, was gemeint war: Gemeinsam mit dem Internet-Unternehmer Ralph Dommermuth gründete er die „Westerwelle Foundation“, die vornehmlich in Nordafrika den demokratischen Umbruch durch den Aufbau einer mittelständischen Wirtschaft fördern möchte. Zudem ließ sich der 52 Jahre alte Außenminister a.D. in das Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung berufen.

          Obwohl oder womöglich weil Westerwelle weiß, dass die Meinung weit verbreitet ist, er habe nach elf Jahren in der Opposition nach dem falschen Ministerium gegriffen, will er dem Feld verbunden bleiben. Steinmeiers Worte dürften ihn daher besonders freuen: Er wünsche ihm, schrieb der Außenminister, „auch namens aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts von Herzen viel Kraft für den Kampf gegen die Krankheit und baldige vollständige Genesung“.

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