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Bevollmächtigter des Bundes : „Wir können Pflegebedürftige nicht einfach wegsperren“

Gefährliche Nähe? Für viele Senioren wird es schwer, wenn Pfleger und Angehörige zu ihrem Schutz auf Distanz bleiben. Bild: Reuters

In manchen Altenheimen grassiert das Coronavirus. Angehörige können sich nicht von den Sterbenden verabschieden. Der Bevollmächtigte des Bundes für Pflege, Andreas Westerfellhaus, erklärt Besuchsverbote im F.A.Z.-Interview für unverhältnismäßig.

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          Herr Westerfellhaus, binnen weniger Tage starben in zwei Pflegeheimen Dutzend Bewohner, die mit dem Coronavirus infiziert waren. Die Verantwortlichen haben entschieden, die Einrichtungen nicht zu evakuieren. Halten Sie das für richtig?

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Dass solche Entscheidungen vor Ort getroffen werden, ist grundsätzlich richtig. Diese Menschen, die in stationären Langzeitpflegeeinrichtungen leben, sind gefährdet aufgrund ihres Alters und möglicherweise begleitenden Vorerkrankungen. Man löst dieses Problem nicht generell, indem man die Menschen in ein Krankenhaus schickt oder in eine andere Einrichtung.

          Pflegebedürftige sind eine Risikogruppe. Gelingt es der Gesellschaft noch, sie ausreichend zu schützen?

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          Ich bin sicher, dass die Verantwortlichen in den Heimen, aber auch in der ambulanten Pflege alles dafür tun, die Pflegebedürftigen zu schützen. Dafür braucht es aber auch ein paar Grundlagen, Hygienerichtlinien zum Beispiel, ausreichend Schutzmaterial. Wir wissen, dass es beim Material an vielen Stellen fehlt. Es darf bei der Verteilung aber keine Unterschiede geben zwischen den Menschen in den Krankenhäusern, in den ambulanten Pflegediensten, den Heimen und den Reha-Einrichtungen. Überall müssen Pfleger und Patienten ausreichend geschützt werden.

          Pflegeverbände haben kritisiert, dass sie bei der Verteilung von Atemschutzmasken nicht ausreichend bedacht worden seien, weil zunächst Krankenhäuser und Arztpraxen ausgestattet würden. Gibt es ein Verteilungsproblem?

          So pauschal stimmt das auf keinen Fall, es beklagen ja alle einen Mangel an wichtiger Ausrüstung. Alle, die in der Versorgung tätig sind, brauchen dringend Schutzkleidung. Nur sind wir gerade mit einer so großen weltweiten Nachfrage konfrontiert, dass es hier und da einen Mangel gibt. Die Bundesregierung tut alles, was in ihrer Macht steht, um die Verfahren bei der Beschaffung zu vereinfachen und selbst an Material zu kommen. Wir haben jetzt eine zentrale Verwaltung, wir entscheiden schnell, und wir versuchen zu bekommen, was geht – ich weiß, dass das noch immer viel zu wenig ist, aber wir können die Masken nicht stricken. Wichtig ist nur, dass es keine Priorisierung gibt, es heißt nicht, dass erst die Kliniken dran sind und erst dann die Pflege oder umgekehrt.

          Andreas Westerfellhaus ist der Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege.

          Der CDU-Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel forderte, Heime komplett abzuriegeln. Auch Spaziergänge der Bewohner sollten vorübergehend verboten werden. Ist das richtig?

          Für Heimbewohner gelten die gleichen Rechte wie für alle anderen auch. Wir alle sind aufgefordert, soziale Kontakte zu unterlassen, die nicht notwendig sind, und sich nicht mit mehr als zwei Personen draußen zu bewegen. Das muss auch so für Heimbewohner gelten. Man kann ihnen nicht einfach Rechte absprechen, die man anderen gewährt. Wenn ein Angehöriger eine kreative Lösung findet und mit seinem alten Vater eine Runde durch den Park spazieren geht, dann ist das etwas, was diesem Menschen sicher guttut. Das liegt dann in der Verantwortung des Einzelnen. Nur weil Pflegebedürftige eine besonders gefährdete Personengruppe sind, kann ich sie nicht einfach entrechten und wegsperren. Da erwarte ich übrigens auch von den Heimleitungen und den Gesundheitsämtern, dass sie Lösungen finden, die den Interessen der Menschen entsprechen. Umgekehrt gibt es ja aber auch viele ältere Pflegebedürftige, die Angst vor einer Infektion haben und ihre Familien bitten, erst einmal zu Hause zu bleiben. Das ist natürlich zu respektieren.

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