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Mangelnde Kampfmittelräumung : Munition im Boden

  • -Aktualisiert am

Immer wieder tauchen bei Bauarbeiten Blindgänger aus dem vergangenen Jahrhundert auf. Ein Entschärfer vom Kampfmittelräumdienst in Kiel zeigt den Zünder dieser entschärften Weltkriegsbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Bild: dpa

Überall in Deutschland liegen seit über 70 Jahren alte Kampfmittel herum, die zu einem echten Sicherheitsrisiko werden können. Weshalb wurden sie noch nicht entfernt?

          Deutschland ist übersät von Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Boden, in Flüssen, in Seen, im Meer liegen Sprengkörper, die bei Hitze oder Druck jederzeit hochgehen könnten. Pro Jahr explodiert irgendwo in Deutschland im Durchschnitt ein Blindgänger unkontrolliert, wie Ende Juni im hessischen Limburg.

          Auch der Wald ist betroffen. Vergangene Woche hatte es auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Mecklenburg-Vorpommern gebrannt. Tagelang konnte die Feuerwehr nicht richtig arbeiten, weil sie wegen Explosionsgefahr Abstand halten musste. Das Gebiet war von Reichswehr und Wehrmacht als Munitionsarsenal benutzt worden, dort wurden Waffen gelagert und gefertigt. Später sprengte die Rote Armee die Bunker – und die Munitionsreste verteilten sich in einem Kilometer Umkreis. Danach richteten erst die Nationale Volksarmee und schließlich die Bundeswehr auf einem ehemaligen Schießplatz der Wehrmacht einen Truppenübungsplatz ein; im Jahr 2013 wurde das Gelände dem Bund zurückgegeben.

          Vier Armeen kurz hintereinander – und von all diesen Armeen könnten noch Sprengkörper im Wald bei Lübtheen liegen, Gewehrmunition, Panzermunition und Reste von Panzerabwehr-Lenkraketen. An manchen Stellen sollen es etwa 45 Tonnen pro Hektar sein. Man stelle sich dafür die Ladung von vier Lkws auf einem Fußballfeld vor.

          Deutschland müsste komplett umgegraben werden

          Der Wald bei Lübtheen ist nur ein kleiner Teil von Mecklenburg-Vorpommern. Im gesamten Land werden auf vier bis sechs Prozent der Fläche noch Munitionsreste vermutet. In Sachsen-Anhalt auf etwa zehn, in Brandenburg sogar auf zwölf Prozent der Fläche.

          Der Krieg ist schon siebzig Jahre vorbei. Genug Zeit, so möchte man meinen, um alle Rückstände zu bergen und unschädlich zu machen. Aber alte Munition ist nicht sichtbar. Und keiner weiß genau, wo sie vergraben liegt. Deutschland ist damals beinahe flächendeckend bombardiert worden. Über Nordrhein-Westfalen wurden 650.000 Tonnen Munition abgeworfen, in ganz Deutschland waren es 1,3 Millionen. Fachleute nehmen an, dass fünf bis zwanzig Prozent der Bomben Blindgänger waren. Zudem gab es Kämpfe am Boden sowie unsachgemäße Sprengungen von Munition.

          Es gäbe daher nur ein Mittel, die Gefahr im Boden zu bannen: Man müsste das ganze Land geomagnetisch untersuchen und dann in einer Tiefe von mehreren Metern umgraben. Nach dem Krieg wurde das unterlassen, der Wiederaufbau stand im Vordergrund. Nun sind Häuser gebaut, die diese Untersuchungen verhindern, und andere Gebiete stehen unter Naturschutz.

          Erschwerend kommt hinzu, dass keine Behörde in Deutschland eine Übersicht darüber hat, wo noch Munition vermutet wird. Kampfmittelbeseitigung ist Ländersache – solange es sich um ländereigene Liegenschaften handelt. Und nicht jedes Land erhebt dieselben Daten oder geht gleich vor. Da es sich um eine Aufgabe der allgemeinen Gefahrenabwehr handelt, sind zwar überall die Innenministerien mit der Räumung betraut. Den meisten ist ein spezieller Kampfmittelräum- oder Kampfmittelbeseitigungsdienst angegliedert. Deren Aufgaben unterscheiden sich jedoch stark von Bundesland zu Bundesland.

          Gesprengt, gehoben, transportiert, vernichtet

          Grundsätzlich gibt es verschiedene Schritte, wie ein unter Kampfmittelverdacht eingestuftes Gebiet untersucht wird, etwa vor einer größeren Baumaßnahme. Zuerst werden Luftbilder ausgewertet, in- und ausländisches Archivmaterial eingesehen (etwa die Ladungslisten alliierter Bomber) und Zeitzeugen befragt. Das nennt man historisch-genetische Rekonstruktion. Sie dauert mitunter Jahre, aber danach lässt sich ein Gebiet auf Schwerpunkte eingrenzen. Dort suchen Fachleute von der Erdoberfläche aus nach Gegenständen unter der Erde.

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