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Repräsentative Erhebungen : Wer war alles schon mit Corona infiziert?

Anteilnahme in Krisenzeiten: Kerzen an der Pestsäule in Wien Bild: dpa

Wenn es um die Lockerung von Corona-Maßnahmen geht, lassen repräsentative Erhebungen die zuverlässigsten Aussagen über den Verlauf der Pandemie zu. Die Studie aus Heinsberg eignet sich dafür nicht, eine nationale Studie lässt auf sich warten. Österreich ist da schon weiter.

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          Das, was derzeit am dringendsten fehlt, wenn über die Beibehaltung oder Lockerung von Maßnahmen gegen die Covid- 19-Pandemie entschieden werden soll, sind repräsentative Erhebungen. Nur diese ermöglichen schließlich Aussagen über den tatsächlichen Verlauf der Epidemie in der Gesamtbevölkerung, die unabhängig von den jeweils angewendeten Testpraktiken sind. So legen Berechnungen nahe, dass insbesondere in Ländern mit niedrigen Testkapazitäten nur ein geringer Teil der tatsächlich Infizierten in den offiziellen Zahlen erfasst wird. In Spanien ergaben beispielsweise Modellrechnungen des Imperial College London, dass bereits 15 Prozent der Bevölkerung infiziert sein könnten. Auch empirische Auswertungen der Zahlen in China kommen zu dem Ergebnis, dass nur ein Bruchteil der tatsächlich Infizierten in den Fallzahlen berücksichtigt wurde.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Um solchen Spekulationen über die vermeintlich fortgeschrittene Durchseuchung der Bevölkerung mit belastbaren Zahlen entgegenzutreten, haben nun verschiedene europäische Länder begonnen, repräsentative Stichproben zu planen und durchzuführen. In Spanien soll in einer repräsentativen Untersuchung innerhalb von drei Wochen anhand der Tests von mehr als 62.000 Bürgern ermittelt werden, wie viele Spanier infiziert oder schon immun sind. In Deutschland wird derzeit eine Studie ausgewertet, in der die Verbreitung des Sars-CoV-2 Virus im Landkreis Heinsberg untersucht wird.

          Keine überregional repräsentative Stichprobe

          Dort hatte sich insbesondere die Gemeinde Gangelt nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar zu einem Infektionsschwerpunkt entwickelt. Mit Hilfe von Fragebögen, PCR- und Antikörpertests soll hier der Anteil der bislang bereits Infizierten bestimmt werden. Am Donnerstag stellte der Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn erste Zwischenergebnisse der Studie auf der Grundlage von 509 repräsentativ ausgewählten Individuen vor. Demnach hätten sich in der Gemeinde Gangelt bereits 15 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert.

          Dieses Resultat ist insbesondere deshalb interessant, da die Ausbreitungsdynamik einer Epidemie sowohl von den Eigenschaften der Infektion als auch von der Anzahl derjenigen abhängt, die noch infiziert werden können. Sobald eine „Herdenimmunität“ erreicht ist, kommt die weitere Ausbreitung zum Erliegen. Modellbasierte Schätzungen nennen dafür Werte zwischen 60 und 80 Prozent der Infizierten, abhängig von jeweils eingehenden Annahmen. Von einer solchen verbreiteten Immunität ist Gangelt also noch relativ weit entfernt. Nicht vergessen werden darf dabei zudem, dass die Stichprobe nicht als überregional repräsentativ gesehen werden kann, sondern sich auf eine Gemeinde mit einer ungewöhnlichen Häufung von Infektionen bezieht.

          Studie für ganz Deutschland geplant

          Der Virologe Christian Drosten kritisierte zudem, dass unklar sei, ob die verwendeten Antikörpertests zum Nachweis zurückliegender Infektionen tatsächlich nur auf die Sars-CoV-2 Viren ansprächen und nicht auch auf andere saisonale Coronaviren, die für verbreitete Erkältungskrankheiten verantwortlich sind. Eine abschließende Beurteilung der Studie sei allerdings erst dann möglich, wenn alle Informationen der vollständigen Erhebung veröffentlicht worden sind. Das Robert Koch-Institut gab derweil am Donnerstag bekannt, dass es eine für ganz Deutschland repräsentative Studie mit 15.000 Teilnehmern ab Mitte Mai plant. Erste Ergebnisse seien dann im Juni zu erwarten.

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          Schneller mit einer solchen nationalen Studie war Österreich. Am Karfreitag gab das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung die Ergebnisse einer repräsentativen Studie mit mehr als 1500 Teilnehmern bekannt. Anders als in der Studie in Heinsberg wurde hier nur der aktuelle Anteil Infizierter geprüft. Dieser habe im Testzeitraum um den 6.April hochgerechnet bei 28.500 Fällen gelegen. Die offiziellen Zahlen verzeichneten dagegen nur 8500 Infizierte. Diese Zahlen geben interessante Hinweise für die Einschätzung der Dunkelziffer der offiziellen Fallzahlen.

          Welche Schlüsse lassen sich aus dem Ergebnis ziehen?

          So müssen für einen vollständigen Überblick über die Verbreitung der Krankheit in der Bevölkerung auch diejenigen Personen mit milden oder fehlenden Symptomen berücksichtigt werden. Bislang gab es eine Reihe von Studien, die den Versuch unternahmen, den asymptomatischen Anteil in der Gruppe der Infizierten abzuschätzen. 15 bis 30 Prozent der Infizierten wurden darin als dauerhaft symptomfrei befunden.

          Wenn man diesen Wert für Österreich ansetzt und zusätzlich einen gewissen Anteil präsymptomatisch Infizierter berücksichtigt, dann wäre das Resultat, dass ein großer Anteil der symptomatisch Infizierten in den offiziellen Zahlen tatsächlich auftaucht. Angesichts der zu dem Zeitpunkt nicht sehr hohen Zahl der durchgeführten Tests liegt aber wohl eher der Schluss nahe, dass der Anteil asymptomatisch Erkrankter niedriger liegt als bislang erwartet. Für das Ziel der Erreichung einer Herdenimmunität ist das eine schlechte Nachricht: Diese wird sich nicht einfach so und unbemerkt durch milde Erkrankungen einstellen. Eine gute Nachricht ist es aber für das Vorhaben der Kontrolle der Epidemie. Denn je geringer der Anteil der unerkannt Erkrankten ist, desto einfacher wird dies möglich sein.

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