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Von Hängebrücke gestürzt : Wer ist der Verunglückte aus dem Hambacher Forst?

Kerzen stehen an der Unfallstelle im Hambacher Forst. Bild: dpa

Bis kurz vor seinem Tod twitterte Steffen M. über die Räumungsarbeiten im Hambacher Forst. Er sei dort oben, „um die Menschen zu informieren, was hier passiert“, sagte er noch am Dienstag.

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          Das letzte Video, dass Steffen M. auf Twitter hochgeladen hat, ist in mehreren Metern Höhe aufgenommen. Es zeigt zwei Polizeibeamte, die auf einer Hebebühne nach oben fahren. „Polizei Richtung Mensch und Traverse“, schreibt er dazu. Kurz darauf stürzt Steffen M. von einer Hängebrücke in den Tod. Bislang deutet alles auf einen Unfall hin, die Kriminalpolizei ermittelt. Die Räumungsarbeiten im Hambacher Forst wurden vorübergehend ausgesetzt, wie es weiter geht, ist noch unklar. Und während gestritten wird, wer nun den Tod des jungen Mannes für was instrumentalisiert, bleibt die Frage: Wer war Steffen M. und warum war er dort oben in den Bäumen?

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Viel ist nicht bekannt. Die Aktivisten des Hambacher Forst nennen ihn einen „Freund, der uns seit längerer Zeit im Wald journalistisch begleitet.“ Der 27-Jährige war mit der Szene verbunden. Zu seinem Namen gibt es einen Treffer an einer Kunsthochschule, die er auch in seinem Facebook-Profil angibt, einen Auftritt bei einem Poetry Slam und beim Jungen Theater Leverkusen. Verschiedene Videos, bei denen er als Regisseur und Drehbuchautor aufgeführt wird. Darunter ist auch eine längere Dokumentation über die N8, ein Wohnprojekt in einem besetzten Haus in Leverkusen.

          Sein letztes Projekt war wohl eine Dokumentation über den Hambacher Forst. Am 3. September veröffentlichte er sein erstes Video von dort auf Youtube. Aufgenommen hatte er es nach eigenen Angaben am 28. August bei einer Razzia im Hambacher Forst. In dem achtminütigen Zusammenschnitt dokumentierte er, was die Polizisten alles wegbringen: Holzpaletten, Wasserkanister, Klettergurte, zwei Kästen Bier. Das Video zählt knapp 30.000 Aufrufe. Die Reaktionen darauf sind gemischt, manche kritisieren den Film als zu einseitig. Mit Beginn der Räumung twitterte er dann fast täglich aus dem Wald, hielt sich dabei auch in den Baumhäusern auf. Den Twitteraccount „vergissmeynnic1“ hatte er erst im August angelegt. Ein Video, das er teilte, zeigte wie die Beamten eine Aktivistin gewaltsam festnehmen.

          Er selbst sah sich als Journalist

          Warum er dabei auch auf Bäume geklettert ist, erklärte Steffen M. in einem Twittereintrag selbst. „Nachdem die Presse in den letzten Tagen im #HambacherForst oft in ihrer Arbeit eingeschränkt wurde, bin ich nun in 25m Höhe auf Beechtown um die Räumungsarbeiten zu dokumentieren. Hier oben ist kein Absperrband. #Pressefreiheit“, schreibt er am Dienstag. Er trug einen Helm und eine gelbe Warnweste. Weil am Boden viele Bereiche abgesperrt seien, „ist die Presse eben jetzt hier oben in den Bäumen um das Ganze von oben zu begleiten und die Menschen zu informieren, was hier so passiert.“

          Seine folgenden Videos zeigten die Aktivisten, die in den Baumhäusern sitzen und „Hambi bleibt“ rufen und die Polizei, die mit Hebebühnen anrückte, um sie von dort herunter zu holen. Dabei arbeitete er mit dem erst seit diesem Monat aktiven „Presse Netz“ zusammen, das ebenfalls über die Räumung des Forst berichtet. „Der verstorbene Journalist war Teil unseres Netzwerks“, hieß es von dort.

          In den sozialen Netzwerken stören sich einige daran, dass Steffen M. als „Journalist“ bezeichnet wird. Tatsächlich sind keine Publikationen von Steffen M. bei einem bekannten Medium zu finden. Er selbst schreibt auf Twitter über sich: „Regisseur / Künstler / Journalist“. Die Frage eines Twitter-Users, ob er für den WDR arbeitet, beantwortet er mit: „Nein, ich bin frei“. Journalist ist, im Gegensatz zu Redakteur, keine geschützte Berufsbezeichnung. Und seine Videos machen deutlich, dass Steffen M. mit dem Anspruch vor Ort war, das Geschehen aus Sicht der Aktivisten zu dokumentieren und anderen zugänglich zu machen. Ebenfalls auf Twitter wünschen sich deshalb einige Nutzer, dass sich jemand des Materials von Steffen M. annimmt und seinen Film, journalistisch oder nicht, fertigstellt – damit „vergissmeynnic1“ nicht in Vergessenheit gerät.

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