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Tag der Befreiung : Wie Berlin versucht, Konfrontationen zu verhindern

Ausnahme für Diplomaten: Flaggen wehen am 8. Mai 2022 hinter dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk und seiner Frau am sowjetischen Ehrendenkmal in Berlin Tiergarten. Bild: Getty

An 15 Gedenkorten dürfen in Berlin bis Montag grundsätzlich weder russische noch ukrainische Flaggen gezeigt werden. Die Polizei befürchtet Provokationen durch Russlands nationalistische Rocker-Truppe „Nachtwölfe“.

          2 Min.

          Die Straße vor dem sowjetischen Ehrenmal unweit des Brandenburger Tors hatte die Berliner Polizei am Sonntag weiträumig abgesperrt. Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht vor 77 Jahren und somit der Befreiung vom Nationalsozialismus, sollte der Berliner Senat wie an 14 anderen Orten der Hauptstadt ein würdiges Gedenken garantieren. In Zeiten des Krieges sollten beim Erinnern an russische wie ukrainische Gefallene des Weltkriegs Auseinandersetzungen zwischen proukrainischen und prorussischen Demonstranten verhindert werden. Deswegen hatte der Senat das Mitführen jeglicher Flaggen für diese Orte von Sonntag bis Montag verboten, ebenso das Tragen militärischer Uniformen und Symbole. Das galt allerdings nicht für Diplomaten und Veteranen des Weltkriegs.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hatte das Verbot scharf kritisiert und die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) aufgefordert, die „skandalöse Entscheidung“ zurückzunehmen, da sie „ein Schlag ins Gesicht des ukrainischen Volkes“ sei. Giffey und der Senat warben aufgrund solcher Proteste um Verständnis für die Entscheidung. Sie wiesen darauf hin, dass es sich nicht um ein generelles Verbot für das Tragen ukrainischer Fahnen in der Stadt handele. Giffey hatte Melnyk nach eigenen Angaben am Samstagmorgen darüber informiert.

          Statt Flaggen tragen Menschen blaue und gelbe Kleidung

          Gegen 12 Uhr fand am Sonntag eine Veranstaltung der ukrainischen Botschaft statt. Botschafter Melnyk wurde bei seinem Eintreffen von Menschen auf der Straße mit dem Ruf „Melnyk raus!“ begrüßt, doch die Sprechchöre junger ukrainischer Aktivisten übertönten diese Rufe bald. Immer wieder riefen die jungen Leute hinter der Polizeiabsperrung auf Ukrainisch und Englisch zur Unterstützung ihrer Heimat auf und bezeichneten den russischen Präsidenten Wladimir Putin als „Terroristen“. Anstelle von Flaggen trugen viele von ihnen blaue und gelbe Kleidungsstücke. Als eine Gruppe eine riesige Ukrainefahne entrollte, packten mehrere Polizisten sie gleich wieder ein. Vor dem Ehrenmal legte Melnyk einen mit blauen und gelben Blumen geschmückten Kranz ab.

          Zu der Veranstaltung, deren Teilnehmer sich aus Sicherheitsgründen bei der Botschaft hatten anmelden müssen, waren Mitglieder der ukrainischen Diaspora in Berlin und Flüchtlinge aus der Ukraine gekommen. Die ukrainische Sängerin Tina Karol forderte in einer emotionalen Rede ihre Landsleute zum Zusammenhalt auf. Die 37 Jahre alte Karol ist in ihrer Heimat eine Pop-Ikone und hat die Ukraine 2006 beim Eurovision Song Contest vertreten. Seit ihrer Flucht engagiert sich Karol derzeit von Warschau aus dafür, dass die russischsprachige Bevölkerung in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion die Wahrheit über den Krieg erfährt.

          Auch an anderen Berliner Gedenkorten, etwa dem Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park, blieb es am Sonntag friedlich. Hunderte Menschen legten dort Blumen ab. Nach Angaben eines Sprechers waren 1600 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz, am Montag, wenn Russland des Sieges über Nazideutschland gedenkt, sollen es noch 200 mehr sein. Dann rechnet die Polizei mit einer Demonstration von 150 Mitgliedern des nationalistischen und Putin-treuen Rockerclubs „Nachtwölfe“, die sich an einem „Rotarmisten-Gedächtnis-Aufzug“ vom Brandenburger Tor zum Ehrenmal beteiligen wollen. Die Polizei werde gegen „jede Form der Unterstützung, Billigung, Verherrlichung oder gar Glorifizierung des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine“ vorgehen, kündigte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik an. Untersagt ist auch das Z-Symbol, das Unterstützer des russischen Krieges benutzen.

          Russland feiert den Tag des Sieges am 9. Mai, da die Unterzeichnung der Kapitulation durch die Oberbefehlshaber der Wehrmacht am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst so spät stattfand, dass es nach Moskauer Zeit schon der 9. war. Das historische Gebäude, in dem die Wehrmacht kapitulierte, hat nun den Schriftzug am Eingang geändert. Statt „Deutsch-Russisches Museum“ ist auf einer Mauer „Ort der Kapitulation, Mai 1945“ zu lesen, wie das Museum mitteilte. Eine Metallplatte mit dem neuen Schriftzug überdecke die alte Bezeichnung.

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