https://www.faz.net/-gpf-95hdv

Politische Predigten : „Welt“-Chef: Im Gottesdienst muss das Theologische dominieren

  • Aktualisiert am

Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“, aufgenommen im September 2015 während der ARD-Talksendung „Anne Will“ in Berlin Bild: dpa

An Weihnachten hatte der „Welt“-Chefredakteur mit einem Tweet für Wirbel gesorgt, in dem er die Christmette mit einem Abend bei den Jusos verglich. Jetzt hat er seine Kritik an politischen Predigten wiederholt.

          Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“, hat seine Kritik an politischen Predigten bekräftigt. Der Pfarrer müsse zwar seine politische Gesinnung nicht ablegen, wenn er auf die Kanzel steige, doch komme es auf den Kontext an. „Im Gotteshaus muss das Theologische dominieren“, sagte der Journalist der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“ laut Vorabmeldung vom Mittwoch.

          Niemand solle mit etwas hinter dem Berg halten, betonte Poschardt. Jeder dürfe sich bekennen, aber in Form einer Predigt, nicht in Form einer „verhinderten Wahlkampfrede vor dem Biomarkt“.

          „Ständige moralische Inquisition“

          Vergangene Woche hatte Poschardt eine Debatte um den politischen Gehalt von Weihnachtspredigten ausgelöst. Er twitterte an Heiligabend: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ Spitzenvertreter von Katholiken und Protestanten widersprachen daraufhin dem Vorwurf, die Predigten an Weihnachten seien zu politisch gewesen.

          Poschardt erklärte nun, schon länger das Gefühl zu haben, dass Kirche zu politisch geworden sei. „Evangelische Kirchentage sind von grünen Parteitagen oft nur schwer zu unterscheiden.“ In der Politik habe die Kirche vielfach Spuren hinterlassen. „Politik ist in Deutschland viel zu sehr säkularisierte Religion“, sagte der Redakteur.

          Die enge Verstrickung zwischen Kirche und Politik sei „seit Luther ihr Fluch wie ihr Segen“. Die ethische Triebkraft des Protestantismus habe sowohl den Wohlstand Deutschlands begünstigt wie auch eine „ständige moralische Inquisition“.

          Der Berliner Pfarrer Steffen Reiche, an dessen Weihnachtspredigt sich die Kritik Poschardts entzündet hatte, verteidigte unterdessen seine Predigt. Viele Gemeindemitglieder seien dankbar für seine „klaren Worte“ gewesen, sagte er der „Christ und Welt“.

          „Mal bin ich ein konservativer, mal ein progressiver Prediger. Im Dialog mit dem Islam beispielsweise sollten wir wahrhaftig bleiben und müssen auch über die kritischen Dinge reden und nicht immer die Augen verkleistern, wie viele Kirchenleitende das aktuell tun“, forderte der Pfarrer, der für die SPD im Bundestag saß und seit vier Jahren Pfarrer in Berlin-Nikolassee ist.

          Die Kirchen seien nicht zufällig leer, sondern „leer gepredigt“ worden, erklärte Reiche. Das „Gerede“ vieler Pfarrer helfe den Menschen in ihrem Alltag nicht. „Kirche soll keine Politik machen. Aber wenn eine Predigt keine Wirkung im politischen Raum hat, dann ist es auch nicht die Botschaft Jesu“, sagte der Pfarrer.

          Weitere Themen

          Ratlosigkeit nach Brexit-Niederlage Video-Seite öffnen

          Wie weiter mit dem Brexit? : Ratlosigkeit nach Brexit-Niederlage

          17 Monate hat die EU mit London gerungen, um 584 Seiten Brexit-Vertrag zustande zu bringen. Dass der Text jetzt mit so deutlicher Mehrheit im britischen Unterhaus durchfallen würde, hatte kaum jemand auf dem Kontinent erwartet. Wie geht es nun weiter?

          May muss sich Misstrauensvotum stellen Video-Seite öffnen

          Nach Brexit-Deal-Niederlage : May muss sich Misstrauensvotum stellen

          Nachdem Premierministerin Theresa May die Abstimmung über ihren Brexit-Deal deutlich verloren hatte, stellte Oppositionsführer Jeremy Corbyn von der Labour-Partei unmittelbar nach der Abstimmung einen Misstrauensantrag gegen sie.

          Topmeldungen

          Nein zum Brexit-Deal : Und jetzt?!

          Premierministerin Theresa May hat die Abstimmung überraschend deutlich verloren, die Labour-Partei hat als Reaktion darauf einen Misstrauensantrag eingebracht. Und nun? Antworten auf die vier wichtigsten Fragen zur Zukunft des Vereinigten Königreichs.

          Liveblog zum Brexit-Votum : Doch ein zweites Referendum?

          Premierministerin May muss sich Vertrauensabstimmung stellen +++ Vorschläge für ein zweites Referendum werden ins Unterhaus gebracht +++ Abstimmung über Mays Zukunft heute Abend +++ Reaktionen aus Politik und Wirtschaft. Alle Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog.
          Takeaway.com gehört zu den Favoriten unter den Börsenneulingen.

          FAZ Plus Artikel: Geldanlage in Aktien : Chancen an Europas Börsen

          Jedes Jahr küren europäische Börsen und die EU-Kommission die besten kleinen und mittleren Börsenneulinge. Unter den Siegern: eine polnische Blutbank und ein bekannter Lieferdienst aus Holland. Auch deutsche Unternehmen waren erfolgreich.

          Trump und die Nato : In Putins Interesse?

          Donald Trump soll einen Nato-Austritt der Vereinigten Staaten erwogen und Aufzeichnungen von Gesprächen mit Putin verhindert haben. Kritiker sehen das als Indiz für Nähe zu Russland – aber Trump hat auch andere Gründe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.