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Chemnitz in Aufruhr : In Stimmung geschimpft

Teilnehmer einer Demonstration in Chemnitz Bild: dpa

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt sich am Abend den Fragen der Bürger in Chemnitz – und erntet Beifall und Buhrufe. Dabei zeigt sich: Viele haben ein ausgeprägtes Problembewusstsein, aber keine Lösungsvorschläge.

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          Den ersten Applaus gibt es nach wenigen Sätzen, die ersten Buhrufe folgen gleich danach.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Am Donnerstagabend betritt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer die Bühne im Businessclub im ersten Stock des Chemnitzer Fußballstadions. 550 rote Polsterstühle, alle sind besetzt, links geht der Blick hinüber auf die Straße, wo sich laut Polizei rund 900 Demonstranten zunächst friedlich versammelt haben, rechts hinab zum Spielfeld des FC Chemnitz. Er habe in der Stadt viele Menschen getroffen, die sich ungerecht behandelt fühlen, sagt Kretschmer, Menschen, die gesagt haben, wir sind doch nicht alle rechtsradikal. „Ich will Ihnen sagen, ich weiß das, das ist nicht so.“ Lauter Beifall aus dem Publikum.

          Wenige Sätze später – zwischenzeitlich hat Kretschmer vor Fremdenfeindlichkeit gewarnt und der Justiz den Rücken gestärkt – kommt der CDU-Politiker auf den bevorstehenden Auftritt der linken Chemnitzer Band „Kraftklub“ am Montag zu sprechen, er hat den Satz noch nicht beendet, da setzt das Publikum zu lauten Buhrufen an, die ersten packen die Trillerpfeifen aus. Und sie pusten gleich wieder hinein, als sich wenige Minuten später Barbara Ludwig vorstellt, die Oberbürgermeisterin von der SPD. Sie verurteilt gerade die Gewaltexzesse der vergangenen Tage, da brüllt einer: „Treten Sie doch einfach zurück, Schande!“

          „Kann diesen Schwachsinn nicht mehr hören“

          Das ist die Ausgangslage beim „Sachsengespräch“ des Ministerpräsidenten in Chemnitz. Kurz bevor es losgeht: Warum er heute hergekommen ist, wird ein älterer Herr gefragt, weiße Haare, Oberlippenbart, müde Augen. „Ich möchte das Leben, das ich hatte, bevor Frau Merkel die Flüchtlinge reingeholt hat, wiederhaben“, sagt er. Das würde er auch gerne Ministerpräsident Kretschmer ins Gesicht sagen. Doch dazu kommt es nicht mehr, was nicht am Ministerpräsidenten liegt, noch während der Begrüßungsworte steht der Mann protestierend auf, er tritt ab mit den Worten: „Ich kann diesen Schwachsinn nicht mehr hören.“

          Draußen vor dem Parkplatz versammeln sich derweil die Demonstranten, in ihrem Furor spürbar angestachelt durch die starke Präsenz der vielen Kameras und Diktiergeräte, die die Journalisten ihnen hinhalten. Eine Dame mittleren Alters, kantige Brille, kurze blonde Haare, hat sich bereits in Stimmung geschimpft. Die Ausländer, die Kriminalität, unmöglich sei das. Auf die Frage der Reporterin, was jetzt passieren müsse, folgt höhnisches Gelächter. „Also dass Sie das fragen!“ Dann lässt sie sich doch zu einer Antwort hinreißen. „Es soll wieder Ordnung hergestellt werden“, brüllt sie ins Mikrofon. Abermals die Frage, wie genau das geschehen soll. „Ja wie denn, das muss die Politik wissen!“, herrscht sie die Reporterin an.

          Zurück bleibt der Eindruck, dass viele Bürger, die an diesem Abend auf Einladung des rechtspopulistischen Bündnisses „Pro Chemnitz“ zum Fußballstadion hinausgefahren sind, zwar ein ausgeprägtes Problembewusstsein haben, aber kaum konkrete Lösungsvorschläge – einmal abgesehen von der Überzeugung, dass den Medien ohnehin nicht zu trauen sei, und der sonst populären Forderung, dass alle Ausländer am besten noch am selben Tag ausgewiesen werden müssten. Mit geballten Kehlen skandieren die Demonstranten: „Haut ab!“ Da kann sich angesprochen fühlen, wer möchte.

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