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Weihnachtsansprache : Gauck lobt Engagement für Flüchtlinge

  • Aktualisiert am

Bundespräsident Gauck hält seine Weihnachtsansprache. Ausgestrahlt wird sie am ersten Weihnachtstag. Bild: dpa

Die Mehrheit der Deutschen stehe für Hilfsbereitschaft und eine offene Gesellschaft - für den Bundespräsidenten eine „ermutigende Erfahrung“. Das P-Wort nahm Joachim Gauck nicht in den Mund.

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          Angesichts des wachsenden Zulaufs zur islamkritischen „Pegida“-Bewegung mahnt Bundespräsident Joachim Gauck die Deutschen zu Hilfsbereitschaft und entschiedenem Eintreten für eine offene Gesellschaft. In seiner vorab verbreiteten Weihnachtsansprache lobte er, „dass die allermeisten von uns nicht denen folgen, die Deutschland abschotten wollen“. Dies sei für ihn eine wahrhaft ermutigende Erfahrung dieses Jahres. Den Begriff „Pegida“ verwendete er dabei nicht direkt.

          Das Engagement der Bürger für Flüchtlinge sei „ein deutliches Zeichen für die Menschlichkeit in unserer Gesellschaft“, sagte Gauck. Er erinnerte an ein Jahr, das einerseits viel Grund zur Freude geboten habe, aber auch von Krieg, Terror und Mord in der Welt geprägt war. „Fast täglich hören wir von getöteten Menschen. Das Elend der unzähligen Heimatlosen und Vertriebenen steht uns vor Augen“, sagte der Bundespräsident. Er sprach denjenigen Mut zu, die sich durch die Entwicklung in der Welt beunruhigt fühlten, die besorgt seien, dass „wir auf etliche Fragen noch keine Antworten kennen“.

          Erinnerung an Mauerfall

          Mit Blick auf die friedliche Revolution in der DDR vor 25 Jahren betonte Gauck: „Die Botschaft ’Fürchtet euch nicht’ dürfen wir als Aufforderung verstehen, unseren Werten, unseren Kräften und auch unserer Demokratie zu vertrauen.“ Wer sich den Herausforderungen stelle, finde auch Lösungen. Die Verhältnisse ließen sich zum Besseren wenden.

          Besonderen Dank sprach er den Menschen aus, die sich in der Nachbarschaft, im Krankenhaus oder in einem Heim um andere kümmern. „Wir alle können einen Beitrag leisten, damit der Wärmestrom lebendig bleibt, ohne den die Welt kalt und friedlos wäre“, sagte Gauck.

          Weihnachtsbotschaft der Kirchen

          Ähnlich wie Gauck äußerten sich mit Blick auf „Pegida“ die großen christlichen Kirchen. „Ohne Anerkennung des Anderen und Respekt vor jedem Menschen gibt es kein friedliches Zusammenleben“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seiner vorab veröffentlichten Predigt. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, erklärte: „Das christliche Europa hat heute die Aufgabe, seinen Umgang mit Flüchtlingen so neu zu ordnen, dass kein Mensch mehr im Mittelmeer ertrinken muss.“

          Gegen die islamfeindliche „Pegida“-Bewegung formiert sich bundesweit immer mehr Widerstand. In mehreren Städten gingen am Montagabend mehr als 20.000 Menschen auf die Straße, um ein Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit zu setzen. Zugleich versammelten sich aber auch in Dresden so viele „Pegida“-Anhänger wie nie. Laut Polizei mobilisierte das Bündnis rund 17.500 Menschen, 2500 mehr als in der Vorwoche.

          "Montagsdemonstration" in Dresden

          Dabei werden die Töne schärfer. Bei der Kundgebung hatten Redner unter großem Beifall auch Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel und Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich attackiert. Angekündigt hatte „Pegida“ ein gemeinsames Weihnachtssingen vor der Semperoper. Tatsächlich wurden Verunglimpfungen von Politikern und Beschimpfungen von Journalisten ebenso begeistert bejubelt wie ausländerfeindliche Parolen. Medienvertreter wurden mit dem tausendfach skandierten Ruf „Lügenpresse“ begrüßt.

          Aus Protest gegen die „Pegida“-Veranstaltung zogen 4500 Gegendemonstranten durch die Stadt, rund 400 Menschen kamen zu einem ökumenischen Friedensgebet. Zeitgleich gingen in anderen deutschen Städten Tausende auf die Straße, um gegen Rassismus und Ausgrenzung zu demonstrieren. Allein in München versammelten sich laut Polizei 12.000 Menschen.

          Keine Kundgebung kommenden Montag

          Am kommenden Montag will „Pegida“ auf eine Kundgebung in Dresden verzichten. Das Bündnis „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ wendet sich gegen eine angebliche „Überfremdung“ Deutschlands. Unter dem Ruf „Wir sind das Volk“ schließen sich seit Wochen immer mehr Menschen diesen sogenannten Montagsdemonstrationen an.

          Mehr als 50 DDR-Bürgerrechtler protestierten am Dienstag gegen die Vereinnahmung der friedlichen Revolution. Der Ruf „Wir sind das Volk“ habe 1989 für Freiheit, Toleranz und Weltoffenheit gestanden, unterstrichen die Akteure des friedlichen Wandels in der DDR. „Ihr sprecht nicht für ’89, ihr sprecht für keine Freiheitsbewegung, ihr seid deren Schande. Schämt euch“, heißt es am Schluss der Erklärung, in der auch steht: "Jesus hätte gekotzt hätte er euch getroffen."

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