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„Watergate“ beim BND : Anschlag durch Abschrauben?

  • -Aktualisiert am

Wo sind die sechs Wasserhähne? Der Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin Mitte. Bild: Picture-Alliance

Im Gebäude des Bundesnachrichtendiensts verschwanden sechs Hähne, Wasser lief aus. Das Landeskriminalamt ermittelt nun in alle Richtungen - und die Pannenserie des Neubaus hat ein weiteres Kapitel.

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          Das wäre ja auch zu leicht gewesen, um wahr zu sein: einfach auf das Grundstück des BND-Neubaus mitten in Berlin latschen, gucken, wo die Wasserhähne abgeschraubt wurden und wie hoch das Wasser steht. Nach hundert Metern ist der Versuch einer Baustellenbesichtigung in der Charlottenstraße beendet. Die Statur des Mannes, der das Fenster des Pförtnerhäuschens öffnet und den mit seinem Presseausweis wedelnden Besucher verständnislos anschaut, ist Argument genug, um einen Durchbruchsversuch als wenig erfolgversprechend erscheinen zu lassen. Die höflich vorgetragene Bitte, doch einmal den beschädigten Teil des Gebäudes in Augenschein nehmen zu dürfen, sorgt beim Wachpersonal nicht einmal für Gelächter. Immerhin bestätigt der Mann hinter dem Fenster, dass es sich um den Neubau des Bundesnachrichtendienstes handelt.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Das ist keine exklusive Nachricht, denn auf dem riesigen Schild am Baustellenzaun steht für jedermann zu lesen, was hier geschieht. Was jedoch nicht darauf steht, ist, wann die neue Zentrale des deutschen Auslandsnachrichtendienstes fertig für den Einzug der Mitarbeiter sein soll und schon gar nicht, was die Chose kosten wird. Da aber beginnt das unangenehme Kapitel der Geschichte dieses Neubaus. Erstens wird er deutlich später fertig als geplant. Zweitens wird er viel teurer als anfangs ausgerechnet. Und jetzt auch noch Land unter!

          Der sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte den Umzug der Zentrale des BND von Pullach im Landkreis München nach Berlin gewollt. 2006 wurde erstmals der Spaten in den Boden an der Charlottenstraße gerammt. Das Jahr 2013 war mal als Datum für den Umzug in den Kalender der Bundesregierung eingetragen worden. Doch wie es so ist auf mancher Berliner Großbaustelle: Wegen Hygienemängeln musste das schon installierte Belüftungssystem wieder ausgebaut werden. Ein Streit über den Zugang zum Gebäude im Fall eines Brandes sorgte für weitere Verzögerungen. Im März vorigen Jahres konnten immerhin die ersten 170 Mitarbeiter in den Nordteil des Gebäudekomplexes einziehen. Sie sind allerdings weniger mit Agententätigkeiten befasst, als vielmehr mit der Einrichtung des neuen Hauses.

          Zwar wird tapfer behauptet, dass das Gebäude im nächsten Jahr vollständig bezugsfertig sein soll. In Sicherheitskreisen wird jedoch bei der Erwähnung dieses Datums gelächelt. Mancher nimmt an, dass es noch später wird. Das ist deswegen besonders misslich, weil schon vor Jahren neue Mitarbeiter beim BND anheuerten in der Annahme, bald einen Schreibtisch in Berlin zu haben und nicht für längere Zeit in Pullach bleiben zu müssen. Angesichts der Verzögerungen sind eine Reihe von ihnen schon wieder weggegangen. Die einmal auf 700 Millionen Euro veranschlagten Baukosten sind längst auf mehr als eine Milliarde geklettert. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, an den missglückten Flughafenneubau im Berliner Süden zu denken.

          Vor diesem Hintergrund hat auch der jüngste Zwischenfall auf der Berliner Großbaustelle des BND für eine gewisse Aufregung gesorgt: schon wieder eine neue Unwägbarkeit. Dabei scheint sich der Schaden nach bisherigen Darstellungen noch in Grenzen zu halten. Nicht die Sicherheitszentrale soll vom Wasserschaden betroffen sein, sondern das Besucherzentrum. Dort wird das Wasser nicht dauerhaft, sondern nur gelegentlich durch die Leitungen gepumpt. Anfang der Woche hieß es wieder einmal „Wasser marsch“. Dummerweise fehlten jedoch auf drei Etagen insgesamt sechs Wasserhähne. Eine Stunde lang konnte das zirkulierende Wasser also entweichen und ins Gebäude laufen, unter anderem in Kabelschächte.

          Bild: dpa

          Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, das das Projekt für die Bundesregierung verwirklicht, prüft nun, wie das geschehen konnte und welcher Schaden entstanden ist. Besonders mitteilungsfreudig ist die Behörde dabei nicht. In Berliner Sicherheitskreisen werden unterschiedlichste Ursachen für denkbar gehalten, etwa Sachbeschädigung durch verärgerte Mitarbeiter einer Baufirma, aber auch schiere Unachtsamkeit. Zwar ermittelt das Berliner Landeskriminalamt in alle Richtungen und selbst ein politischer Hintergrund des Vorfalls wird nicht ausgeschlossen. Doch wird in Sicherheitskreisen die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Anschlag durch das Abschrauben von sechs Wasserhähnen handelt, für nicht sehr hoch gehalten. Immerhin soll es sich ja um eine der am besten gesicherten Baustellen im Land handeln. Zahlreiche Überwachungskameras am Bauzaun sprechen dafür. Vielleicht funktioniert ja wenigstens das Sicherheitssystem.

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