https://www.faz.net/-gpf-a29n0

Cluster bei Tönnies : Was wurde aus dem Corona-Ausbruch in Gütersloh?

  • -Aktualisiert am

In Verl im Kreis Gütersloh wurde ein Wohnblock abgesperrt und Tests durchgeführt. Bild: Daniel Pilar

Gütersloh war der erste Kreis, in dem wegen eines lokalen Corona-Ausbruchs eine regionale Einschränkung verhängt wurde. Über die Krankheitsverläufe gibt es nun eine Studie. Entwarnung gibt es noch immer nicht.

          2 Min.

          Als sich Ende Juni immer mehr Mitarbeiter im Stammwerk des Fleischunternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit dem Coronavirus infizierten, versuchten der Kreis Gütersloh und die nordrhein-westfälische Landesregierung rasch gegenzusteuern. Mit rund 1500 festgestellten Infektionen war Rheda-Wiedenbrück damals binnen kürzester Zeit zum bisher größten Corona-Hotspot in Deutschland geworden. Die breite Streuung der Wohnorte der überwiegend aus Osteuropa stammenden Tönnies-Werkvertragsarbeiter berge ein „enormes Pandemie-Risiko“, warnte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) – und verhängte als erster und bisher einziger Landeschef einer Bund-Länder-Vereinbarung entsprechend strikte regionale Einschränkungen.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Etwas mehr als eineinhalb Monate später lohnt sich eine erste Zwischenbilanz. Anders als anfänglich befürchtet, gelang es dem Kreis Gütersloh relativ rasch, das Infektionsgeschehen einzuhegen. Bis Anfang August registrierten die Behörden rund 2100 Corona-Infektionen, die dem großen Ausbruch in der Fleischfabrik zuzuordnen sind; 1712 davon allein im Kreis Gütersloh.

          Insgesamt erfasste der Kreis seit Beginn der Pandemie bisher rund 2700 laborbestätigte Corona-Infektionen, von ihnen gelten nach aktuellem Stand 2617 als genesen und 58 als noch infiziert, 55 befinden sich in häuslicher Quarantäne. Ein Kreissprecher betont allerdings: „Auch wenn es von außen so aussehen mag, als sei die Krise in Gütersloh vorbei, dem ist nicht so.“ Noch immer sei der Krisenstab der Behörde einberufen, noch immer befinde sich die Kreisverwaltung im Ausnahmezustand.

          Glimpfliche Krankheitsverläufe

          Vergleichsweise glimpflich stellten sich bisher die Krankheitsverläufe dar, der weit überwiegende Teil der Infizierten berichtet, keinerlei Symptome wahrgenommen zu haben. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums mussten bis Anfang August im Fall Tönnies 43 Personen im Krankenhaus behandelt werden. Ernsthaft erkrankt waren demnach bislang 27 Männer und Frauen. Zwei der im Fall Tönnies Erkrankten litten demnach an einer Pneumonie (Lungenentzündung), sechs an einem akuten schweren Atemnotsyndrom (ARDS), 19 klagten über eine unangenehm erschwerte Atemtätigkeit (Dyspnoe). Todesfälle gab es bisher im Zusammenhang mit dem Fall Tönnies nicht. Seit Beginn der Pandemie starben im Kreis Gütersloh 20 Personen an oder mit dem Virus.

          Diversen Forschern diente und dient der Fall Tönnies dazu, das Wissen über das Virus zu verbreitern und zu vertiefen. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat das Ausbruchsgeschehen begleitet. Martin Exner, der Leiter des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn hat im Auftrag des Kreises die Ursachen des Ausbruchs untersucht. Er fand heraus, dass sich das Virus im Tönnies-Zerlegebetrieb deshalb so rasch auf so viele Arbeiter verbreiten konnte, weil Aerosole durch Umluft-Kühlgeräte über lange Zeit in Bewegung gehalten wurden. Gemeinsam mit dem RKI und dem NRW-Landeszentrum für Gesundheit bereitete Exner den Fall Tönnies auf, um technische Lösungswege für ähnliche Betriebe aufzuzeigen. Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium hat eine „Gütersloh-Studie“ in Auftrag gegeben.

          Dabei sollen die Laborproben der im Fall Tönnies positiv getesteten Personen molekulargenetisch ausgewertet und Viruspopulationen charakterisiert werden, um Aufschluss über Infektionsketten und Infektionsursprung zu gewinnen. In einer weiteren Studie lässt das Ministerium den Corona-Ausbruch bei Tönnies mit jenem in einem anderen Schlachtbetrieb vergleichen. Ergebnisse liegen bisher weder im einen noch im anderen Fall vor.

          Weitere Themen

          Zweite Amtszeit für Guterres Video-Seite öffnen

          UN-Generalsekretär : Zweite Amtszeit für Guterres

          Guterres wurde von der 193 Mitglieder zählenden UN-Generalversammlung für weitere fünf Jahre ernannt. Er ist ein großer Befürworter des Klimaschutzes, von COVID-19-Impfstoffen für alle sowie der digitalen Zusammenarbeit.

          Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 10,3

          Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 10,3

          Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 1076 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche waren es mehr als doppelt so viele. Auch die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen sinkt weiter. Weltweit allerdings steigen die Totenzahlen rasant an.

          Topmeldungen

          DFB-Liebling Robin Gosens : „Zwick mich mal“

          Die Geschichte von Robin Gosens gibt es eigentlich nicht mehr: Von einem, der auf dem Dorfplatz entdeckt wurde und nun bei der EM für überwältigende Momente sorgt.
          Erholung im Low-Covid-Sommer vor der vierten Welle: Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt.

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Unser Team ist dezimiert“

          In Deutschland sinken die Fallzahlen. Oberarzt Cihan Çelik berichtet, wie es jetzt auf der Isolierstation im Klinikum Darmstadt aussieht, was mit der Delta-Variante auf uns zukommt und wie sinnvoll die Maskenpflicht noch ist.
          Die unschöne  Schleimschicht macht sich seit Anfang Juni vor der Küste Istanbuls breit. Manche Forscher warnen, solche Algenblüten werden wegen des Klimawandels häufiger vorkommen. Andere bezweifeln das.

          Algen im Marmarameer : Was den Meeren blüht

          Vor der Küste Istanbuls schwimmt eine riesige Menge aus Schleim. Solch gigantischen Algenblüten ruinieren nicht nur den Badeurlaub, sie können für Meeresbewohner gefährlich werden. Als Sündenbock hält mal wieder der Klimawandel her – doch so einfach ist es nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.