https://www.faz.net/-gpf-8enij

Landtagswahlen : Was macht eine Partei erfolgreich?

Fast schon wie Personenkult: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CD) und Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann sind die Gesichter ihrer Partei. Bild: dpa

Merkel, Kretschmann, Malu Dreyer: Angeblich werden Spitzenkandidaten immer wichtiger für einen Wahlerfolg. Die Geschichte aber zeigt: So einfach ist es nicht.

          Es war sein größter Triumph. Am 15. September 1957 erreichte Konrad Adenauer, was vor und nach ihm kein Regierungschef der Bundesrepublik geschafft hat. Er gewann für die CDU/CSU bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit der Stimmen. „Keine Experimente“ und „Wohlstand für alle“ lauteten damals die Parolen des Wahlkampfs, an dessen Ende 50,2 Prozent für die Unionsparteien standen. Die hatten die Kampagne ganz auf den Kanzler ausgerichtet. Der war damals schon 81 Jahre alt und fuhr, wie die anderen Spitzenkandidaten, mit einem Sonderzug durch Deutschland, um die Wähler von sich zu begeistern. Das Wahlergebnis stürzte die SPD in eine Krise und zwang sie zu Reformen. Fünfzehn Jahre später betrieb sie einen Wahlkampf, der auch ganz auf eine Person zugeschnitten war. Wiederum war es der Kanzler.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es war die legendäre „Willy-Wahl“ des Jahres 1972, als es den Sozialdemokraten gelang, einen schon für sicher gehaltenen Erfolg der Union zu verhindern und in einen enormen Sieg für die eigene Partei umzudrehen. Damals war die Stimmung zwischen den beiden großen politischen Lagern im Land bis zum Äußersten geladen. „Willy wählen!“ war der Slogan auf tausenden Aufklebern und Ansteckern, mit dem die Anhänger der SPD sich zu ihrem Kandidaten bekannten. Am Ende erreichte die Sozialdemokratie 45,8 Prozent der Zweitstimmen, das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Die Wahlbeteiligung rauschte in die Höhe auf bisher unübertroffene 91,1 Prozent.

          Personen schon immer wichtig für Parteierfolg

          Wenn es an diesem Sonntag um Klöckner oder Dreyer, Kretschmann oder Wolf geht, dann werden wieder die Spitzenkandidaten im Zentrum der Berichterstattung stehen. Die Personalisierung der Wahlkämpfe hat angeblich zugenommen. Nun gehe es auch schon bei Landtagswahlkämpfen hauptsächlich um die Kandidaten statt um die politischen Inhalte, lautet eine These. Aber Wahlforscher bezweifeln sie. „Es gibt keine Studie, die nahelegt, dass Personen immer wichtiger geworden sind“, sagt Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach. Sie waren es nämlich schon immer, nicht nur bei Adenauer oder Brandt im Bund, sondern auch bei den Wahlen in den Ländern.

          Brandt war schon vor seiner Kanzlerschaft ein sehr populärer Regierender Bürgermeister in West-Berlin, er knackte bei der Wahl 1963 die 60-Prozent-Marke. Der SPD-Mann Johannes Rau erkämpfte in Nordrhein-Westfalen mehrfach die absolute Mehrheit, 1985 mit gut 52 Prozent. Dem beliebten Bremer Bürgermeister Hans Koschnick, ebenfalls ein Sozialdemokrat, gelang das Kunststück, eine absolute Mehrheit zu erreichen, von 1971 bis 1983 gleich vier Mal hintereinander. Aber auch die Union hatte solche erfolgreichen Spitzenkandidaten in den Ländern. Kurt Biedenkopf errang nach der Wiedervereinigung in Sachsen für die CDU dreimal die absolute Mehrheit, 1994 schaffte „König Kurt“ sogar 58,1 Prozent – ein Ergebnis, das selbst CSU-Wahlsieger selten übertroffen haben.

          Personen waren also für den Erfolg einer Partei schon immer wichtig, wenn nicht gar entscheidend. Oder auch für den Misserfolg. Wie sehr selbst die Lösung einer komplizierten Angelegenheit an einer Person festgemacht wird, zeigt dieser Tage die Flüchtlingskrise. Für ihr Entstehen und ihre Lösung, so zumindest der Eindruck, war und ist allein Angela Merkel verantwortlich, die deshalb an Popularität verlor, scheinbar schon vor dem Rücktritt stand, sich nun aber wieder wachsender Beliebtheit erfreut.

          Weitere Themen

          Zwickau wird elektrisch

          FAZ Plus Artikel: VW-Werk : Zwickau wird elektrisch

          VW produziert im sächsischen Zwickau bald nur noch Elektroautos. Das Werk wird damit zum Modell für die ganze Branche. Was bedeutet das für die Arbeiter? Ein Besuch im Versuchslabor.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.