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Parteien und Influencer : Was macht die CDU aus dem Fall Rezo?

Social für Einsteiger: Die 11-jährige Julia macht am 6. Dezember 2018 ein Selfie mit Annegret Kramp-Karrenbauer Bild: dpa

In den Parteien herrscht angesichts des Rezo-Videos offenkundig Angst vor Kontrollverlust. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, rät ihnen zu einer Offensive.

          Auch wenn schon vor fast zwanzig Jahren virtuelle Parteitage im Internet stattfanden, sind die Parteien in der Wahrnehmung von Kommunikationswissenschaftlern noch immer nicht darauf vorbereitet, mit der Unberechenbarkeit des Netzes umzugehen. Während das Zusammenspiel mit den etablierten Zeitungen und Rundfunk- und Fernsehsendern seit Jahren geübt geworden ist, herrscht nach dem Video des Youtubers Rezo mit seinem Millionenpublikum nicht nur bei der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer die offenkundige Angst vor Kontrollverlust.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hat den etablierten Parteien deshalb geraten, sich den neuen Kommunikationsformen stärker zu öffnen, denn in der Medienrezeption gebe es einen grundlegenden kulturellen Wandel. Die klassischen Medien hätten ihre „Gatekeeper-Funktion“ verloren. „Man kann das beklagen. Aber man kann auch Konsequenzen daraus ziehen. Die Konsequenz für die Parteien muss lauten, offensiver mit den nonlinearen Formaten umzugehen“, sagte Krüger dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auch eine Partei wie die Grünen, die wegen des Großthemas Klimawandel von den Videos profitiert hätten, könnten sich nicht sicher sein, dass das immer so bleibe, weil sie genauso wenig offensiv mit den sozialen Medien umgingen wie die anderen Parteien. „Da sticht eher die AfD hervor, der es gelungen ist, so viel Power in die sozialen Medien zu investieren wie alle anderen Parteien zusammen“, sagte Krüger.

          In der Diskussion über den Umgang mit den Rezo-Videos hat der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz seiner Partei einen positiven Umgang mit Kritik empfohlen. „Die CDU sollte Kritik als willkommene Rückmeldungen schätzen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Statt sich über Beschwerden zu ärgern, solle man sie als Chance für Verbesserungen begreifen. Dagegenhalten sei ein Urinstinkt bei Politikern. Das sei auch ganz richtig, wenn sich der politische Gegner äußere. „Wenn Bürger mit Kritik kommen, ist das der falsche Weg“, sagte Polenz. Kramp-Karrenbauer habe sich unglücklich ausgedrückt und das klargestellt. „Es gibt keinen Grund, über neue Regeln nachzudenken. Jeder kann sagen und schreiben was er will in den Grenzen von Recht und Gesetz.“ Die Meinungsfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes umfasse auch Youtuber.

          Dass es sich zwischen Parteien und Influencern um einen ungleichen Wettbewerb handelt, bei dem Parteien zwangsläufig schlecht aussehen, bestätigt auch der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger von der Universität Stuttgart-Hohenheim. Was die CDU aber keinesfalls hätte tun dürfen, „das Ganze nicht ernst zu nehmen oder an einzelnen Fakten, die Rezo zusammengetragen hat, rumzumäkeln“, sagte Schweiger dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Diese Reaktion sei völlig kontraproduktiv gewesen.

          Unterdessen sind die Zweifel an Kramp-Karrenbauers Eignung für die Kanzlerschaft laut einer Forsa-Umfrage, die am Mittwoch im RTL/ntv-Trendbarometer veröffentlicht wurde, gewachsen. 70 Prozent der Befragten, die eine repräsentative Stichprobe sind, hielten Kramp-Karrenbauer für nicht fähig, die Nachfolge Angela Merkels anzutreten. Unter den befragten Anhängern der Union trauten ihr 52 Prozent die Kanzlerschaft nicht zu.

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