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Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende Bild: julia zimmermann

Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

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          Wenige hundert Meter vor dem Brandenburger Tor ist am Freitagmittag eine ungewöhnliche Schülergruppe unterwegs. Die etwa zwanzig Jungen und Mädchen tragen vier rote Fahnen mit sich, auf denen das Wort „Revolution“ steht. Eine Schülerin hat ein Megafon, sie spricht von den Genossinnen und Genossen aus Brasilien, mit denen man heute gemeinsam marschiere und davon, dass „wir die ganze Scheiße nicht mehr wollen“. Die Gruppe ist eine „unabhängige kommunistische Jugendorganisation“ aus Neukölln, sagt ein Fahnenträger auf Nachfrage und reicht einen Flyer. „Gegen Kapitalismus und Profitwahn, für Sozialismus und Planwirtschaft“ lautet eine der Forderungen, die dort aufgeführt sind. Vier Polizisten eskortieren die Schüler. Einige Meter weiter führt eine ältere Frau drei Kinder, die Kleinen haben sich an den Händen gefasst, eines hat die Hand der Frau ergriffen, die seine Großmutter sein könnte. In der anderen Hand hält die Frau ein kleines orangefarbenes Fähnchen. „Brot für die Welt“ steht darauf.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Zwischen diesen Polen, der roten Fahne der Revolution und dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen, liegt das Spektrum der Zehntausende, die an diesem Weltklimastreiktag zur Kundgebung am Brandenburger Tor strömen. Was auffällt: Die Bewegung ist breiter geworden. Das gilt zuallererst für das Alter. Am Freitag sind ganze Kitas, Grundschulklassen unterwegs, viele Eltern haben ihre kleinen Kinder mitgebracht. „Wir sind klein und brauchen die Welt“, haben die Steppke aus einer Kita-Gruppe auf ihre Plakate geschrieben. Schüler, vor allem aus den mittleren Klassen, stellen immer noch die Mehrheit der Demonstranten, hier in Berlin und wohl auch in den anderen 160 Städten Deutschlands, in denen an diesem Tag mehr als 500 Demonstrationen und Aktionen stattfinden. Anders als in New York haben die Schüler in Berlin nicht freibekommen, die Schulpflicht gilt. Doch viele Schulen ermöglichen es, dass Schüler teilnehmen können, ohne mit unliebsamen Konsequenzen rechnen zu müssen. Manche Schulleiter haben es so geregelt, dass die Schüler nach der dritten Stunde zur Demonstration gehen können, wenn die Eltern eine Entschuldigung vorher unterschrieben haben. Nun stehen die Kinder und Jugendlichen zu Tausenden nicht weit vom Regierungsviertel und rufen ihren Slogan: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“

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