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Digitalisierungsdebatte : Müssen lesen und klicken Gegensätze sein?

Schülerinnen sitzen in einem Klassenraum einer Grundschule an Computern und arbeiten. Bild: dpa

Das Schwarz-Weiß-Denken in der Digitalisierungsdebatte an Schulen muss aufhören, denn Schüler sind ganz unterschiedlich. Der eine muss vorm medialen Dauerbeschuss geschützt werden, der andere freut sich schon auf die Programmier-AG.

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          Das Kind liest wie ein Weltmeister, aber es hat keine Lust auf die Leseförderungs-Meisterschaft in der Grundschulklasse. Die Lehrerin hat das Programm erklärt: Zu jedem erdenklichen Kinderbuch wird am Computer ein Quiz angeboten. Für jede richtige Antwort gibt es Punkte, für jede falsche Abzug. Das Kind argumentiert ganz entzückend: Es sei beim Lesen so tief drin in der Geschichte, dass die blöden Fragen danach dieses Erlebnis kaputtmachten. Boykott auf ganzer Linie – und nicht ohne stillen Stolz der Eltern.

          Wer nun denkt, das hier würde ein Kommentar gegen Digitalisierung, wird leider enttäuscht. Denn die Geschichte geht noch weiter. Andere Familie, anderes Kind. Es liest ein Buch nach dem anderen. Und es liebt das Quiz-Programm. Wenn sich wieder ein paar durchfräste Schmöker angesammelt haben, setzt es sich vor den heimischen Computer und arbeitet die Fragen gewissenhaft ab. Sobald ein neuer Punkte-Höchststand erreicht ist, muss die Ziffer auf dem Monitor unbedingt mit dem Handy der Eltern abfotografiert werden. Die Lehrerin macht aus dem Spiel keinen Wettbewerb. Wenn die Klasse gemeinsam eine bestimmte Punktzahl erreicht hat, gehen alle zur Belohnung ein Eis essen.

          Wenn, so wie gerade, wieder viel über Tablets und W-Lan in Schulen diskutiert wird, klingt es oft, als gäbe es nur ein Entweder-Oder. Die einen meinen: Wer Schulen mit Geräten flutet, verhindert, dass Kinder richtig lernen. Denn dann daddeln sie ja nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Unterricht. Die anderen sagen: Wir müssen die Kinder fit machen für die Zukunft, und die ist nun mal digital. Das ist wichtiger als penible Rechtschreibung, Schönschrift und vertieftes Lesen.

          Die Wirklichkeit ist bunter. Das eine Kind muss vor medialem Dauerbeschuss beschützt werden. Das andere brennt auf die Programmier-AG und schafft locker das Nebeneinander von Geräten und Papier. Die Lehrer lernen auch noch dazu. Sie entscheiden, wie viel sie aus dem digitalen Angebot machen. Klar sollte dabei aber eines sein: Die Schule ist nicht nur, aber doch wesentlich für den Kopf da. Klicken und wischen ohne gründliches Lesen und richtiges Schreiben sind bloß Fingerfertigkeiten.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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