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Werteunterricht für Migranten : Das kleine Einmaleins des Rechtsstaats

  • -Aktualisiert am

Bilder und Worte: Amtsrichter Harald Walther vor seiner Klasse Bild: Rainer Wohlfahrt

Politiker der Union verlangen, dass in deutschen Schulen Werteunterricht eingeführt wird – in Hessen und Bayern gibt es das bereits. Zu Besuch in einer Klasse von Flüchtlingen aus Syrien.

          4 Min.

          Wenn Harald Walther erklären will, wieso er Einwanderern und Flüchtlingen Rechtsstaatsunterricht gibt, schildert er Erfahrungen, die er in Jahrzehnten als Verwaltungs- und Familienrichter gemacht hat. Eine der Geschichten handelt von einer jungen Frau, ihre Eltern stammen aus Pakistan. Sie verliebt sich, verbringt eine Nacht bei ihrem Freund. Am nächsten Morgen will ihr Vater wissen, wo sie war. Sie sagt es ihm und entschuldigt sich. Der Vater reagiert nicht, dreht sich nur zu den Brüdern um und sagt ihnen, sie sollen die Schwester so lange schlagen, bis sie nicht mehr gehen kann. Mit einer Metalltaschenlampe und einem Hockeyschläger prügeln sie auf sie ein. Die Frau ist so schwer verletzt, dass sie fast nicht überlebt.

          Timo Steppat
          Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Walther steht vor einer Klasse von Flüchtlingen aus Syrien, sie schauen betroffen, wenn er ihnen davon erzählt. Die Brüder, der Vater, die Familie, alle hätten wenig Schuldbewusstsein gezeigt, berichtet er. „In manchen Kulturkreisen gibt es Rache und Blutrache“, sagt Walther. „Hier gilt das deutsche Recht. Und so wütend man ist, keiner darf persönlich Rache nehmen.“ Einem der Brüder hat Walther als Verwaltungsrichter den Aufenthaltstitel aberkannt. Walther, sonst ausgesprochen freundlich und um Augenhöhe mit seinen Zuhörern bemüht, merkt während seiner Erzählung, dass er vielleicht über das Ziel hinausgeschossen ist. „Es sind natürlich nicht alle Menschen gleich“, schiebt er hinterher. Unter 100 Deutschen wie unter 100 Einwanderern gebe es den ein oder anderen Problemfall. „Ich will Ihnen nichts Böses unterstellen“, sagt er. „Wir sind hier, um uns auf Regeln zu verständigen.“

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