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Nach Mord-Urteil gegen Raser : Wie aggressive Fahrer ausgebremst werden könnten

  • -Aktualisiert am

Autos fahren auf der Autobahn A81 bei Herrenberg auf einem Abschnitt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Bild: dpa

Zwei junge Autofahrer sind wegen Mordes verurteilt worden, weil sie bei einem illegalen Rennen einen Unbeteiligten totgefahren haben. Die Zahl solcher Rennen steigt. Doch wie kommt man der kriminellen Raser-Szene bei?

          Autos können Waffen sein – ob sie es sind, liegt in der Hand der Fahrer. Wie kann man solche, die sich an die Regeln halten, vor den Aggressiven schützen? Die Debatte darüber wurde diese Woche befeuert durch ein Gerichtsurteil, das zwei junge Autofahrer des Mordes für schuldig befindet. Sie hatten sich ein illegales Rennen auf dem Berliner Kurfürstendamm geliefert und dabei einen Unbeteiligten totgefahren.

          Solche Wettrennen werden seit einigen Jahren verstärkt in Deutschland gefahren, vor allem in Großstädten. Allein in Berlin gab es seit Jahresbeginn 104 Strafverfahren wegen Raserei. In Nordrhein-Westfalen verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr 474 illegale Autorennen, das waren vierzig Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Unfälle, die dabei passieren, hat sich sogar mehr als verdoppelt. Fachleute sprechen von einer Raser-Szene, einer kriminellen Subkultur. Ihr kommt man nicht einfach bei mit Bußgeldern und Punkten in Flensburg.

          Strafrechtler für härtere Strafen

          Mehr Wirkung dagegen könnte das Mord-Urteil entfalten. Die Ku’damm-Raser haben lebenslänglich bekommen. Das Gericht sah drei Mordmerkmale erfüllt: Die Täter hätten mit gemeingefährlichen Mitteln gehandelt, aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch.

          Der Präsident der Deutschen Verkehrswacht, Kurt Bodewig, hält das harte Urteil für gerechtfertigt. Er warnt vor der Skrupellosigkeit der Raser-Szene: „Das sind keine übermütigen jungen Männer, die einfach zu schnell fahren.“ Vielmehr handele es sich um „rücksichtslose und egoistische“ Fahrer, die „den Thrill suchen und den Tod von Menschen in Kauf“ nehmen würden.

          Auch Strafrechtler sind überzeugt davon, dass vor allem harte Strafen, die keine Aussicht auf Bewährung lassen, die Raser einschüchtern können. „Das ist es, was die richtig trifft“, meint etwa der Juraprofessor Michael Kubiciel von der Universität Augsburg. Er lobt daher, dass der Gesetzgeber im Jahr 2017 illegale Straßenrennen zum Straftatbestand gemacht hat; zu wenig getan werde allerdings noch gegen „Einzelraser“, die Wettrennen gegen sich selbst fahren.

          Gemäß Gesetz ist das, wer sich „mit nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen“. Die Formulierung ist abstrakt – anders als etwa in der Schweiz. Dort gilt gesetzlich als Raser, wer die zulässige Höchstgeschwindigkeit um ein bestimmtes Maß überschreitet.

          Über Umfeld der Raser ist wenig bekannt

          Bodewig war zwei Jahre Verkehrsminister unter Kanzler Schröder. Er hält vor allem eine Debatte zur Aufklärung für wichtig: „Wir müssen einen breiten öffentlichen Diskurs führen, in dem klarwird, dass es nicht um ein Kavaliersdelikt geht, sondern um Kriminalität. Das muss auch das private Umfeld möglicher Raser erreichen, die Familien.“

          Über das Umfeld der Raser ist noch nicht viel bekannt; es ist anzunehmen, dass es kein einheitliches Milieu ist. Doch gerade in Großstädten hat die Polizei es oft mit jungen Männern zu tun, viele davon mit Migrationshintergrund, für die das Auto ein Statussymbol ist. Sie allein können sich die teuren Wagen oft nicht leisten. Die Familien sind häufig an der Finanzierung beteiligt, ohne dass sie immer wüssten, was die jungen Männer nachts auf den Straßen damit treiben.

          Teilweise fahren die Männer auch illegale Rennen mit geleasten oder gemieteten Wagen. Das macht es schwerer, sie mit der sofortigen Beschlagnahmung des Fahrzeugs zu strafen. Dieses Mittel hält Bodewig aber grundsätzlich für hilfreich. Er wünscht sich, dass die Polizei übermotorisierte Autos noch häufiger aus dem Verkehr zieht als bisher schon.

          Aggressives Fahren soll auch mit technischen Mitteln bekämpft werden. Diese Woche einigten sich Unterhändler des Europaparlaments und der EU-Staaten in Brüssel darauf, dass in neue Autos ab 2022 bestimmte Kontrollsysteme eingebaut werden müssen. Eines soll automatisch die Geschwindigkeit regulieren, es nennt sich „Intelligent Speed Adaption“. Dieses System macht Fahrer auf Tempolimits aufmerksam und reduziert, wenn die nicht reagieren, selbständig die Geschwindigkeit.

          Strafrechtler Kubiciel hält es für plausibel, dass im deutschen Straßenverkehr weniger Straftaten verübt würden, wenn schon kleine Verstöße strenger geahndet und mit höheren Bußgeldern verbunden würden. Die sind in Deutschland im europäischen Vergleich niedrig bemessen: So kostet ohne Gurt fahren hierzulande 30 Euro, in Italien ab 80, in Griechenland 350 Euro. Parkverstöße kosten bei uns 10 bis 70 Euro, in den Niederlanden ab 95 Euro.

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