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Artgerechtigkeit : Was dürfen Wölfe fressen?

  • -Aktualisiert am

Wölfe treibt vor allem eines an: Hunger. Und hier beginnt der Ärger. Denn was dürfen Wölfe fressen? Bild: AP

Schafe und Wölfe sollen jetzt gleichermaßen durch Zäune geschützt werden. Doch das wird den Streit über die fleischfressenden Einwanderer wohl auch nicht beenden. Über die Lebenserwartung von Wölfen kann ein Kuchen entscheiden.

          In Dänemark nennen Eltern die Zeit, bevor die Kinder ins Bett gebracht werden, „Wolfszeit“. Alles geht drunter und drüber. Auch in Deutschland herrscht Wolfszeit. Tierschützer verklagen Umweltminister, die einen Wolf zum Abschuss freigeben. Bauern ärgern sich über Wolfsberater, die ihnen bürokratisch bestätigen müssen, was sie eh wissen, nämlich dass ein Wolf mal wieder ein Weidetier gerissen hat. Wolfsberater hängen ihr Ehrenamt an den Nagel, weil ihnen das Auto zerkratzt wird. Bauernverbände fühlen sich im Stich gelassen. Jäger wollen Wölfe jagen, und Politiker erklären, dass das nach europäischem Recht nicht geht.

          Seit etwa zwanzig Jahren leben wieder Wölfe in Deutschland. Heute sind es 73 Rudel und 30 Paare, insgesamt knapp 250 erwachsene Tiere. Doch nicht mal über die Zahlen herrscht Einigkeit. Die Bundesregierung zählt die Welpen mit und kommt auf etwa 400 Tiere. Bauernverband und Schafzüchter sprechen von mehr als 1000 Wölfen. Sie berufen sich auf Zahlen des Nabu. Der kommt zwar auch nur auf 73 Rudel, multipliziert aber anders. Eines jedenfalls lässt sich mit Sicherheit sagen: Es gibt in Deutschland kein frei lebendes Säugetier, das genauer beobachtet wird als der Wolf. Und es gibt kein Tier, das für mehr Ärger sorgt.

          Nur ein Wolf, der sich artgerecht verhält, ist ein guter Wolf

          Wochenlang hatten Umwelt- und Landwirtschaftsministerium über eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes gestritten. Es ging um Artenschutz und Herdenschutz und um die Frage, wann ein Wolf geschossen werden darf. „Entnahme“ heißt das auf Amtsdeutsch. Sogar die Kanzlerin schaltete sich entnervt ein. Dann gab es im Kabinett eine Einigung, Umweltministerin Schulze hatte eingelenkt. Bisher durfte nur der Wolf zum Abschuss freigegeben werden, dem nicht artgerechtes Verhalten nachgewiesen werden konnte. Dazu bedurfte es einer Genprobe in einem recht aufwendigen bürokratischen Verfahren. Nun sollen auch andere Wölfe des Rudels ohne genetischen Nachweis so lange geschossen werden dürfen, bis es langt.

          Der Gesetzentwurf sieht einen eigenen Artikel im Bundesnaturschutzgesetz vor: „Umgang mit dem Wolf“. Er kommt noch vor der Sommerpause ins Parlament. Auch die Länder sind sich nicht einig. Dem Bundesrat liegt ein Antrag aus Sachsen vor, dem Mutterland der Wölfe in Deutschland. Das Land fordert strengeres Durchgreifen. Und trotz der offiziellen Einigung legte Landwirtschaftsministerin Klöckner ebenfalls nach. Sie forderte, dass auch Rudel gejagt werden dürfen, die nicht erst unangenehm aufgefallen sind. Die Wölfe seien damit zum Abschuss freigegeben, befürchten Klöckners Gegner.

          Wollen die Wölfe deutsche Staatsbürger werden?

          Der Wolf soll ins Jagdrecht, fordern dagegen Jagdverbände. Und der Deutsche Bauernverband gab eine Pressemitteilung heraus, deren Sprache so grobkörnig wie eine Ladung Schrot war. „Willkommen Wolf reicht nicht“, beschwerte sich ein Aktionsbündnis aus Weidetierhaltern und Grundbesitzern. Die Arbeitsgruppe aus Bund und Ländern sei für die Landbevölkerung „ein Hohn“, ganze Mufflonbestände seien „ausgelöscht“ worden und unfähige mobile „Sondereinsatzkommandos“ kämen dem Wolf nicht bei.

          Die Idee, den Wolf mit der Willkommenskultur zu infizieren, hatte zuerst der Nabu. Aus der sächsischen AfD kam dann die Forderung nach einer „Obergrenze“. In manchen Gegenden werden sogar „Mahnfeuer“ gegen den Wolf entzündet. Allerdings sind die Wölfe nicht der Staatsbürgerschaft wegen hergekommen. Sie treibt vor allem eines an: Hunger.

          Pumpak, der Fette

          Und hier beginnt der Ärger. Denn was dürfen Wölfe fressen? Ein Problemwolf war Pumpak, der Fette. So hatten ihn polnische Wissenschaftler genannt. Pumpak graste nachts in den Dörfern um Görlitz Komposthaufen ab. Er fraß auch Äpfel und mindestens einen Kuchen. Die zuständige Behörde stufte das vor zwei Jahren als nicht artgerechtes Verhalten ein und gab Pumpak trotz seiner flexitarischen Lebensweise zum Abschuss frei. Tausende Menschen unterzeichneten eine Online-Petition für Pumpaks Leben. Der tauchte ab, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute – tief im dunklen Wald mit Wild auf der Speisekarte, wie es sich für einen ordentlichen Wolf gehört.

          Wenn ein Wolf aber zwanzig Schafe reißt, ist das durchaus artgerechtes Verhalten – vor allem junge Wölfe müssen üben. Und da Schafe in Panik zusammenlaufen und nicht auseinander, hat der Wolf hier leichtes Spiel. Das können Bauern und Schäfer so nicht akzeptieren. Mufflonfressen in freier Wildbahn wie im niedersächsischen Staatsforst Göhrde kommt bei Jägern wiederum nicht gut an. Seit einigen Jahrzehnten waren hier ganze Herden dieser Wildschafe mit den auffälligen Hörnern heimisch geworden. Bis der Wolf kam.

          Der Forst ist nun wieder mufflonfrei. Die Wildschafe haben eine genetische Eigenart, die dem Wolf in der Ebene sehr zupasskommt. Normalerweise flüchten sie mit ein paar Sprüngen auf Felsen, wohin ein Wolf ihnen nicht folgen kann. Im Wald bleiben sie nach ein paar Sätzen stehen und lassen sich stattdessen fressen. Allerdings gibt es auch unter Grundbesitzern und Naturschützern Stimmen, die darauf hinweisen, dass nun der Wald wieder wachsen kann und eine nicht heimische Wildart hier verdrängt wurde.

          Was sagt der Wolf dazu?

          Aus Wolfssicht gehören sowohl Mufflons als auch Schafe auf die Speisekarte. Denn Wölfe fressen das Tier, das leicht zu haben ist. So geht ihr Fraßlied aus uralter Zeit, es handelt von Effizienz. Ein Wolf, der von einer widerborstigen Bache verletzt wird, stirbt, weil er nicht mehr jagen kann. Wenn hinter einem Zaun leichtere Beute lockt, zögert er nicht lange, denn ein Wolf braucht pro Tag etwa vier Kilogramm Fleisch. Fast egal, von welchem Tier. Jüngst hat es in Sachsen-Anhalt einen Strauß erwischt.

          Die Fresslust wurde Anfang des Jahres dem „Rodewalder Rüden“ zum Verhängnis, der in der Nähe von Hannover mehrere Rinder und ein zweijähriges Kalb gerissen hatte. Sein Genabdruck wurde wie der anderer Wölfe an das Senckenberg-Institut in Gelnhausen geschickt. Dort gibt es seit knapp zehn Jahren eine Datenbank, in der Vorkommen und Verbreitung von Wölfen dokumentiert werden. Der Rüde bekam die Nummer GW 717, die Abkürzung steht für den Grey Wolf, der im europäischen Flachland vorkommt. Das Landesumweltministerium gab die Ausnahmegenehmigung auf den Weg, also das Todesurteil für den Wolf. Eigentlich sind für den Wolf die Unteren Naturschutzbehörden zuständig. Doch die fürchten die Proteste der Tierschützer mehr als Isegrimm. Und so übernimmt in Niedersachsen das Ministerium den Verwaltungsakt.

          Anders als das Halali mancher Jagdverbände vermuten lässt, ist es aber gar nicht leicht, jemanden zu finden, der den Job machen will. Es gibt vier Möglichkeiten, einen Wolf töten zu lassen. Entweder kann die Behörde einen Jäger oder eine Jagdgenossenschaft beauftragen. Sie kann auch einen „Söldner“ mit Jagdschein wählen oder die Polizei beibitten. Die müssten dann gemeinsam mit einem Biologen ausrücken, der den Wolf identifizieren kann. Als letztes Mittel gelten Schlingenfallen. Ein damit gefangener Wolf muss dann eingeschläfert werden.

          Roddi, Kurti und GW924

          Doch der Rodewalder Rüde ist seit Januar nicht mehr gesichtet worden. Tierschützer könnten „Roddi“ und sein Rudel vorsorglich vertrieben haben. Das Gebiet, in dem der Rüde vermutet wird, umfasst immerhin 600 Quadratkilometer. Von Monat zu Monat muss die Ausnahmegenehmigung verlängert werden. Ob nach dem neuen Gesetzentwurf das Rodewalder Rudel in Sippenhaft genommen werden könnte, ist unklar. Schließlich haben die Risse ja aufgehört.

          Doch manchmal haut’s auch hin. Vor drei Jahren wurde in Niedersachsen der erste Wolf legal getötet. Offiziell hieß er MT6, manche nannten ihn „Kurti“. Er hatte sich Menschen bis auf wenige Meter genähert und einen angeleinten Hund angegriffen. Die Behörden hatten leichtes Spiel, denn das Tier trug einen Sender. Da der Wolf dann aber doch sehr scheu war, musste ein Scharfschütze der Polizei ran.

          Im Januar wurde in Schleswig-Holstein unter heftigen Protesten ebenfalls ein Wolf zur Entnahme freigegeben, GW924, ein Rüde, der achtzig Nutztiere gerissen hatte, manche davon sogar trotz wolfssicherer Zäune. Es hagelte Drohungen gegen das Umweltministerium. Das hatte den Abschuss stellvertretend für Privatpersonen beantragt. Bis jetzt konnte jedoch auch der Wolf nicht geschossen werden. Nun ist auch sein Bruder, GW 900, recht umtriebig, er hat seit Januar mehr als dreißig Schafe gerissen.

          Eine tragische Familiengeschichte

          Dank der Genabdrücke konnte sogar die Familiengeschichte (der Wölfe) rekonstruiert werden. Die Brüder sind vor zwei Jahren mit weiteren Welpen in Dänemark auf die Welt gekommen. Das Schicksal hat es nicht gut mit ihnen gemeint: ein Bruder ist auf der Autobahn überfahren worden, ein anderer ist nach Dänemark zurückgekehrt und ein weiterer dort illegal erlegt worden. Die wildernden Brüder jedoch sind noch auf Wanderschaft, jeder für sich und einer vogelfrei. Um die Wolfsrisse zu dokumentieren, hat das Umweltministerium sogar eine Tabelle ins Netz gestellt. Sie enthält Ort, Anzahl der toten Tiere, Zaunart und den Genabdruck des Räubers. Im April sind wieder zwei Nutztiere trotz wolfssicheren Zaun gerissen worden. Der Täter war unbekannt. Bis die Genanalyse fertig ist, steht in der Tabelle erst mal HW01 für Wolf, so viel ist schon mal sicher.

          In Schleswig-Holstein gibt es nun seit März sogenannte Wolf-Präventionsgebiete. In ihnen sollen alle Herden durch Elektrozäune geschützt werden, die das Land bezahlt. Bisher waren Zäune dazu da, dass die Schafe nicht weglaufen. Rinderherden waren oft nur von Gräben umgeben. Auch andere Bundesländer beteiligen sich an der Finanzierung wolfssicherer Zäune. Die Frage ist, ob der Wolf es einsieht. Wenn er mehrfach einen 1,20 Meter hohen Zaun überspringt, darf er in Niedersachsen und Schleswig-Holstein zum Abschuss freigegeben werden. Normalerweise würde ein Wolf sich am Boden geduckt erst mal an einen Zaun anschleichen, heißt es. Nach einem Stromschlag würde er Zäune dann eher meiden.

          Wildbiologen empfehlen ebenfalls, Herden durch Elektrozäune zu schützen. Außerdem fordern sie, Schäfer stärker zu unterstützen und schnell zu handeln, wenn ein Wolf zugeschlagen hat. Das Problem für die Schafhalter ist derzeit vor allem die Frage, wer ihnen hilft, die kilometerlangen Zäune aufzubauen. Auch das kostet Geld und Zeit. Die Umweltminister von Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben daher einen Brief an die EU-Kommission geschrieben. Im September wird es dort ein Treffen geben, um über wolfssichere Zäune auf Deichen zu sprechen.

          Soll der Wolf doch im Wald bleiben

          Die Landwirte drängen außerdem darauf, dass ihre Schäden anders definiert werden. „Ernste“ Schäden soll es nun heißen und nicht wie bisher „erhebliche“ Schäden. Für den Wolf soll es schneller existentiell werden als für den Landwirt. Außerdem hoffen viele Bauern, der Wolf möge in Zukunft im Wald bleiben, jedenfalls fernab der Zivilisation. Denn Wölfe, die Nutztiere jagen, würden das auch ihren Nachkommen beibringen. Wildbiologen sind da skeptisch. Wölfe wandern nun mal und stoßen dabei nicht nur auf Rehe im Wald. Es gibt Wölfe, die von den Alpen bis in die Ukraine gelaufen sind. In einer Nacht kann ein Wolf bis zu einhundert Kilometer traben.

          Bleibt noch der Streitpunkt, ob der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden soll. Bislang ist das nur in Sachsen so. Dort kam der Wolf 2012 ins Jagdrecht, allerdings mit 365 Tagen Schonzeit im Jahr. Gleichzeitig wurde den Jägern das Schießen wildernder Hunde verboten, um Verwechslungen mit einem Wolf auszuschließen. Denn die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie verbietet das Töten geschützter Arten, die in Anhang IV aufgelistet sind. Dazu gehört der Wolf. Laut Richtlinie darf der Lebensraum der hier aufgeführten Tiere nicht gestört werden, egal, wo sie sich befinden. Der deutsche Bauernverband möchte den Wolf daher lieber in Anhang V auswildern. Die hier genannten Tiere dürfen unter bestimmten Umständen „genutzt“ – also auch gejagt werden.

          Immer häufiger verweisen Nutztierhalter auf den sogenannten „günstigen Erhaltungszustand“ des Wolfes. Dahinter steht der Wunsch, eine Population, die sich gut vermehrt, unter gewissen Bedingungen auch jagen zu dürfen. Bauernvertreter gehen nämlich weiterhin vom exponentiellen Wachstum der Wölfe aus. Naturschützer vermuten aber, dass dieses Wachstum demnächst gebremst wird. Wölfe brauchten viel Platz und würden ihre Territorien streng verteidigen. Auch hier scheint nur eines gewiss: Die Wölfe werden bleiben, der Streit auch.

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