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Artgerechtigkeit : Was dürfen Wölfe fressen?

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Die Idee, den Wolf mit der Willkommenskultur zu infizieren, hatte zuerst der Nabu. Aus der sächsischen AfD kam dann die Forderung nach einer „Obergrenze“. In manchen Gegenden werden sogar „Mahnfeuer“ gegen den Wolf entzündet. Allerdings sind die Wölfe nicht der Staatsbürgerschaft wegen hergekommen. Sie treibt vor allem eines an: Hunger.

Pumpak, der Fette

Und hier beginnt der Ärger. Denn was dürfen Wölfe fressen? Ein Problemwolf war Pumpak, der Fette. So hatten ihn polnische Wissenschaftler genannt. Pumpak graste nachts in den Dörfern um Görlitz Komposthaufen ab. Er fraß auch Äpfel und mindestens einen Kuchen. Die zuständige Behörde stufte das vor zwei Jahren als nicht artgerechtes Verhalten ein und gab Pumpak trotz seiner flexitarischen Lebensweise zum Abschuss frei. Tausende Menschen unterzeichneten eine Online-Petition für Pumpaks Leben. Der tauchte ab, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute – tief im dunklen Wald mit Wild auf der Speisekarte, wie es sich für einen ordentlichen Wolf gehört.

Wenn ein Wolf aber zwanzig Schafe reißt, ist das durchaus artgerechtes Verhalten – vor allem junge Wölfe müssen üben. Und da Schafe in Panik zusammenlaufen und nicht auseinander, hat der Wolf hier leichtes Spiel. Das können Bauern und Schäfer so nicht akzeptieren. Mufflonfressen in freier Wildbahn wie im niedersächsischen Staatsforst Göhrde kommt bei Jägern wiederum nicht gut an. Seit einigen Jahrzehnten waren hier ganze Herden dieser Wildschafe mit den auffälligen Hörnern heimisch geworden. Bis der Wolf kam.

Der Forst ist nun wieder mufflonfrei. Die Wildschafe haben eine genetische Eigenart, die dem Wolf in der Ebene sehr zupasskommt. Normalerweise flüchten sie mit ein paar Sprüngen auf Felsen, wohin ein Wolf ihnen nicht folgen kann. Im Wald bleiben sie nach ein paar Sätzen stehen und lassen sich stattdessen fressen. Allerdings gibt es auch unter Grundbesitzern und Naturschützern Stimmen, die darauf hinweisen, dass nun der Wald wieder wachsen kann und eine nicht heimische Wildart hier verdrängt wurde.

Was sagt der Wolf dazu?

Aus Wolfssicht gehören sowohl Mufflons als auch Schafe auf die Speisekarte. Denn Wölfe fressen das Tier, das leicht zu haben ist. So geht ihr Fraßlied aus uralter Zeit, es handelt von Effizienz. Ein Wolf, der von einer widerborstigen Bache verletzt wird, stirbt, weil er nicht mehr jagen kann. Wenn hinter einem Zaun leichtere Beute lockt, zögert er nicht lange, denn ein Wolf braucht pro Tag etwa vier Kilogramm Fleisch. Fast egal, von welchem Tier. Jüngst hat es in Sachsen-Anhalt einen Strauß erwischt.

Die Fresslust wurde Anfang des Jahres dem „Rodewalder Rüden“ zum Verhängnis, der in der Nähe von Hannover mehrere Rinder und ein zweijähriges Kalb gerissen hatte. Sein Genabdruck wurde wie der anderer Wölfe an das Senckenberg-Institut in Gelnhausen geschickt. Dort gibt es seit knapp zehn Jahren eine Datenbank, in der Vorkommen und Verbreitung von Wölfen dokumentiert werden. Der Rüde bekam die Nummer GW 717, die Abkürzung steht für den Grey Wolf, der im europäischen Flachland vorkommt. Das Landesumweltministerium gab die Ausnahmegenehmigung auf den Weg, also das Todesurteil für den Wolf. Eigentlich sind für den Wolf die Unteren Naturschutzbehörden zuständig. Doch die fürchten die Proteste der Tierschützer mehr als Isegrimm. Und so übernimmt in Niedersachsen das Ministerium den Verwaltungsakt.

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