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Kommando Spezialkräfte : Wir schulden den Soldaten mehr Wertschätzung

  • -Aktualisiert am

Das Schwert der Elite: Abzeichen am Barett eines KSK-Soldaten Bild: dpa

Wen interessiert schon, was in einem Angehörigen des Kommandos Spezialkräfte vorgeht? Es sollte uns interessieren, denn sie riskieren für uns ihr Leben, sagt der ehemalige Militärseelsorger Pascal Kober. Ein Gastbeitrag.

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          Dem Kommando Spezialkräfte ist nun neben anderen Maßnahmen nun vor allem eine Frist gesetzt. Bis zum 31. Oktober sollen „insbesondere die Selbstreinigungskräfte“ Wirkung zeigen, sonst könnte tatsächlich endgültig die Auflösung drohen. Damit sollen es die Angehörigen des Kommandos jetzt auch ganz wesentlich selbst in der Hand haben, ob ihr Verband eine Zukunft hat.

          Was aber spätestens jetzt auch gefordert ist, ist ein echtes Interesse der demokratischen Mitte unserer Gesellschaft an den Menschen, die diesen Dienst für die Verteidigung deutscher Sicherheitsinteressen, etwa bei Geiselbefreiungen deutscher Staatsbürger oder der Festnahme von Kriegsverbrechern gleich wo auch immer auf der Welt erfüllen.

          Wissen wir eigentlich, wer sie sind und was sie bewegt? Sie sind es, die spätestens jetzt unser ehrliches Interesse verdient haben. Wissen wir etwas über ihre Motive, ihre Hoffnungen, ihre Sorgen und Fragen? Kommandosoldaten sind Menschen, die willens und in der Lage sind, ihre mentalen und körperlichen Höchstleistungen stets und überall mit höchster Zuverlässigkeit abzurufen.

          Jeder Einzelne von ihnen gehört von seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten her zu einer ganz kleinen Gruppe von Menschen, vergleichbar allenfalls mit Spitzensportlern auf internationalem Niveau. Mit einem wesentlichen Unterschied: Kommandosoldaten operieren im Einsatz stets unter akuter Lebensgefahr, teilweise auch im Training, wenn sie auf wenige Zentimeter genau aus der Bewegung heraus in unübersichtlichen Situationen aneinander mit scharfer Munition vorbeischießen, um die realen Einsatzsituationen zu antizipieren. Sie müssen in Bruchteilen von Sekunden in der Lage sein, verantwortbare Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen.

          Pascal Kober ist FDP-Abgeordneter im Bundestag

          Fragen nach dem Sinn des konkreten Auftrages, des Dienstes allgemein, aber auch nach dem des Lebens, Fragen nach Schuld und Vergebung, Fragen an die Politik, an ihre Gesellschaft, der sie dienen, stellen sich auch diese Soldaten. Sie sind soldatische Elite, aber vor allem auch Menschen, die es verdient haben, als solche wahr- und ernst genommen zu werden.

          Anders als Spitzensportlern fehlt ihnen allerdings nahezu jede Anerkennung, nahezu jede Wertschätzung von außen. Mag die jeweilige Sportart ein vom breiten öffentlichen Interesse noch so abseitiges Dasein fristen – eine kleine Fangemeinde gibt es immer. Diese gibt es natürlich auch für alles Soldatische, aber nicht jede Fangemeinde von Militär und Soldatentum ist von ihren Motiven und Haltungen her zu begrüßen.

          Der Applaus nur aus der falschen Fankurve lässt den fehlenden Applaus aus der eigenen umso deutlicher spüren. Die Wahrheit ist: Die breite demokratische Mitte unserer Gesellschaft, in deren Auftrag und Interesse die Menschen in unseren Spezialkräften dienen, kämpfen, töten und zu sterben bereit sind, nimmt keine Notiz von ihnen. Einerseits kann sie es auch kaum, denn aus Sicherheitsgründen bleiben die Soldaten und ihre täglich erbrachten Leistungen fast gänzlich anonym und geheim. Nicht einmal ihre Familien haben Einblick in ihren Alltag, geschweige denn in ihre Einsätze.

          Welchen Stellenwert hat ihr Dienst für uns?

          Haben wir uns aber jemals gefragt, was das mit den Menschen in unseren Spezialkräften macht? Geht es um ihr Innerstes, um das, was sie antreibt, was sie bewegt und enttäuscht, sind sie auf sich selbst und ihre Kameraden und die Militärseelsorge verwiesen. In der Seelsorge sind Werteveränderungen und moralische Verletzungen bei Soldaten durch Einsätze und die Umstände des Dienstes bekannt. Nicht ausgeschlossen, dass sich da manche in falschen Ideologien und Gedankenwelten Ersatz für einen verlorengegangenen Sinn für das eigene Tun suchen.

          Das ist freilich nicht zu akzeptieren oder zu entschuldigen, aber wir dürfen mögliche Zusammenhänge und Einflüsse nicht übersehen. Es ist an der Zeit, dass wir uns als gesellschaftliche Mitte selbst einmal fragen müssen, welchen Stellenwert der Dienst dieser Menschen für uns, für unsere Freiheit, für unsere Art zu leben eigentlich hat.

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          Die Verantwortung für die Antwort darauf dürfen wir nicht nur auf die jeweiligen Verteidigungsminister und die kleine Schar an Verteidigungspolitikern abschieben. In einer „postheroischen“ Gesellschaft ist es freilich bequemer, die Diskussion über das „scharfe Ende“ des Soldatenberufes, oder präziser gesagt, das „scharfe Ende“ unserer Sicherheitsinteressen nicht selbst zu führen, sondern sie der sicherheitspolitischen Szene zu überlassen. Den Soldaten sind wir aber als Gesellschaft aus unserem freiheitlich-demokratischen Selbstverständnis heraus eine Antwort schuldig.

          Das Konzept der Inneren Führung mit dem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform steht auf nur einem Bein, wenn es nur von den Soldaten eingefordert, nicht aber auch von der demokratischen Mitte unserer Gesellschaft aus gegenüber ihren Streitkräften aktiv mitgelebt wird. Eine regelmäßige öffentliche Würdigung der Spezialkräfte der Bundeswehr durch den Bundespräsidenten, den Bundestag oder die Bundeskanzlerin hat es bisher nie gegeben. Es wäre an der Zeit. Diejenigen, die diesen anspruchsvollsten Dienst tagtäglich im Training wie im Einsatz erbringen, sind es wert. Geben wir ihnen etwas zurück – ganz einfach deshalb, weil sie tagtäglich Großartiges leisten und weil sie die Anerkennung der Gesellschaft, der sie mit Leib und Leben dienen, wirklich verdienen.

          Der Autor ist Mitglied des Bundestages (FDP) und ehemaliger Militärseelsorger.

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