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Was die Nachbarn denken : „Giffey wollte keine Extrawurst“

  • -Aktualisiert am

Steckt keine Hoffnung in Giffey: Hans-Joachim Freyer Bild: Jens Gyarmaty

Franziska Giffey will nach ihrem Rücktritt Regierende Bürgermeisterin Berlins werden – und Wahlkampf in der Laubensiedlung machen. Dort haben die Leute eine Meinung zu ihr – und wie Politiker sein sollten.

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          Franziska Giffey besitzt neuerdings eine rote Gießkanne. Damit will sie Politik machen. Als Bundesfamilienministerin ist sie gerade zurückgetreten, nun will sie sich auf ihre „Herzenssache“ konzentrieren: Berlin. Die Berliner sollen sie ins Rote Rathaus wählen. Die Gießkanne steht für ihr neues Leben.

          Giffey will nämlich Wahlkampf in einer Kleingartenkolonie machen. Da, wo alles klein ist, wo die kleinen Leute sind. Bei der Berliner SPD tut man geheimnisvoll. Man will „unter 3“ darüber reden, das ist Parteizentralendeutsch für „darf nicht zitiert werden“. Als ginge es um ganz große Dinge. Aber manchmal liegen die ja im Kleinen. Wobei die Sache nicht geheim ist. Giffey hat sogar öffentlich mit der roten Gießkanne posiert. Das war auf dem Parteitag, der sie zur Spitzenkandidatin kürte. Da bekam sie die Kanne geschenkt, und da wurde auch ein Bild der Laube gezeigt, vor der sie demnächst auftreten soll.

          Die Laube steht in der Neuköllner Kleingartenanlage am Buschkrug, und deren Chef hat seine Mitgärtner schon auf Giffey eingeschworen. Auf der Internetseite der Kolonie schrieb er, Kleingärten seien „keine politikfreien Zonen“. Dabei fangen so eigentlich Witze an: Kommt ein Pferd in eine Bar. Kommt ein Politiker in einen Kleingarten. Normal ist das nicht. Vielleicht ist die SPD darum vorsichtig damit, was sie darüber sagt. Ein Hobbygärtner ist im Garten, um zu entspannen. Giffey, um gewählt zu werden. Worüber sollen die Gärtner mit ihr reden, und wollen sie überhaupt?

          „Die hab ich noch nie gemocht, mit ihrer Piepsstimme“

          Ein sommerwarmer Nachmittag im Mai, ein paar Tage vor ihrem Rücktritt als Ministerin. Giffeys Laube schläft noch. Niemand da. Aber im Nachbargarten. Da hantiert ein Mann mit zwei Gießkannen. Er sieht aus wie Michel Houellebecq, heißt aber Norbert Bauknecht und ist Anhänger der AfD. Wegen der Flüchtlinge. Das sei inzwischen aber langweilig geworden. „Ich will jetzt was Radikales.“ Das heißt für ihn, Grün wählen bei der Bundestagswahl. Und Giffey? „Die hab ich noch nie gemocht, mit ihrer Piepsstimme.“ Aber wenn die hier auftrete, werde er sich das schon ansehen. Bauknecht hat Giffey schon mal live erlebt. Viel Blaulicht. Schon irre. Gut findet er, was Aufsehen erregt.

          Im Nachbargarten steht ein Gartenzwerg.
          Im Nachbargarten steht ein Gartenzwerg. : Bild: Jens Gyarmaty

          Ein paar Gärten weiter. Eine Hollywoodschaukel, geschmückt mit der türkischen Flagge, zwei Mädchen mit Kopftüchern schaukeln. Wusstet ihr, dass bald Franziska Giffey kommt? Die Mädchen schauen ratlos. Wer? Giffey, sie will Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Nie gehört. Berlin-Mitte ist nicht mal zehn Kilometer entfernt, aber Lichtjahre weit weg.

          „Die wollte keine Extrawurst.“

          Vor einem Hüttchen sitzen zwei alte Leute. Sie schauen auf Tulpen, und die Tulpen schauen auf sie. Ist Giffey hier bekannt? Ja sicher, sagen Monika und Heinz Müllerleile, er 74, sie 72, beide Ur-Berliner. Sie haben Giffey hier auf einem Sommerfest schon erlebt. Heinz Müllerleile: „Die wollte keine Extrawurst.“ Ganz normal sei sie gewesen. Das heißt: gut. Was gäbe es mit ihr zu besprechen? Nachdenken. Eigentlich haben beide nicht den Anspruch, Politikern ihre Sorgen mitzuteilen.

          Monika und Heinz Muellerleile: „Giffey wollte keine Extrawurst“
          Monika und Heinz Muellerleile: „Giffey wollte keine Extrawurst“ : Bild: Jens Gyarmaty

          Hans-Joachim Freyer dagegen schon. Er sieht aus wie ein kalifornischer Rentner, braungebrannt, Kurzarmhemd, Baseballkappe. Doch Freyer ist Deutscher, in seinem Garten weht eine große Deutschlandflagge. Wegen der Nachbarn. „Türke links, Türke rechts, da wollte ich ein Zeichen setzen.“ Freyers Garten ist sehr ordentlich. Bei den Türken sieht es wilder aus. Seine Deutung: „Die wollen hier nur grillen und feiern. Von Gartenarbeit halten die nicht viel.“ Das würde er Franziska Giffey sagen wollen. Wobei er fürchtet, das bringe nichts. Zu deren bisheriger Karriere fällt dem pensionierten Ingenieur nur ein: „Wie se das jeschafft hat...“ Für ihn sind CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke nicht wählbar. Bleibt nur noch die AfD? Er wiegt den Kopf.

          Sie wollen Politiker, die sich kümmern

          In einem Garten mit einem großen Schwimmbecken freut sich Gerhard Klosa auf Franziska Giffey. Der Rentner will sie, wenn sie kommt, „bis in die Nacht befragen“. Zum Beispiel zum Thema kleine Rente. Und dicke Autos von Politikern. Es wären aber eher rhetorische Fragen. Klosa will bloß seinen Ärger mal loswerden.

          Alle Politiker sollten sich Mühe geben: Gerhard Klose mit Tochter und Schwiegersohn im Schrebergarten
          Alle Politiker sollten sich Mühe geben: Gerhard Klose mit Tochter und Schwiegersohn im Schrebergarten : Bild: Jens Gyarmaty

          Klosas Tochter ist ebenfalls im Garten, dazu sein Schwiegersohn. Alle sind sich einig, dass sie CDU oder SPD wählen. Bloß nicht AfD, sagt die Tochter, bloß nicht die Grünen, sagt der Schwiegersohn. Und Gerhard Klosa findet, alle Politiker sollten sich mehr Mühe geben, Politik Leuten wie ihm zu erklären. „Um die FDP zu verstehen, muss man selbst Politiker sein.“ Wen man auch fragt in den Neuköllner Gärten: Giffeys Doktorarbeit interessiert hier keinen. Es spottet auch keiner über das Gute-Kita-Gesetz. Weil keiner überhaupt drüber spricht. Wichtig ist: Lässt sich ein Politiker blicken, ist er eingebildet oder normal?

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