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Kommentar zu Missbrauchsstudie : Die Bischöfe müssten es nur wollen

Bei der Bischofskonferenz in Fulda setzten sich die geistlichen Würdenträger auch mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche auseinander. Bild: dpa

Nicht allein der Mangel an Unrechtsbewusstsein ist das Problem der deutschen katholischen Kirche, sondern vor allem das Fehlen einer Rechtskultur. Wie es besser geht, zeigen die Würdenträger in Österreich.

          Gut fünf Wochen sind vergangen, seit sich die katholischen Bischöfe in Deutschland mit den Ergebnissen eines wissenschaftlichen Forschungsprojektes über sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche beschäftigt haben. Auch der Forschungsbericht selbst, der nach den beteiligten Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen MHG-Studie genannt wird, ist seither im Internet für jedermann zugänglich. Doch welche Wirkungen die Erkenntnisse der Wissenschaftler wo und wie entfalten, steht in den Sternen.

          Zwar haben es die Bischöfe weder einzeln noch kollektiv an Demutsgesten fehlen lassen. Von nachgerade entwaffnender Offenheit war hingegen das Eingeständnis des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx, die Bischöfe könnten ihr institutionelles Versagen nicht bewältigen, ohne dass ihnen Politik, Gesellschaft und die Laien in der Kirche zu Hilfe kämen. Nur: Die Laien in Gestalt des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) wussten von ihrem vermeintlichen Glück vorab nichts. Heute wissen sie nicht viel mehr. Anstatt den Bischöfen flugs eigene Überlegungen oder andernorts längst erprobte Konzepte anzudienen, kamen die ZdK-Funktionäre während der jüngsten gemeinsamen Konferenz wieder einmal daher wie die Artisten unter der Zirkuskuppel: ratlos.

          Und die Bischöfe? Anstatt 2018 im dritten Anlauf nach 2002 und 2010 mit harten kirchenrechtlichen Partikularnormen Rechtsverbindlichkeit zu schaffen, ergingen sie sich in Fulda in wortreichen Absichtserklärungen. Dass diese sprachlich im Stil eines Koalitionsvertrags gehalten sind, ist kein Zufall. Das „Wir wollen“ und das „Wir werden“ zeigen nur, dass die Bischöfe weiterhin den Anspruch erheben, die Herren aller Verfahren zu sein. Reaktionär ist das nicht, sondern genuiner Ausdruck der vom II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) zusammen mit dem Kodex des Kirchenrechts aus dem Jahr 1983 ins Werk gesetzten theologischen und juristischen Überhöhung des Bischofsamtes.

          Der Kirche fehlt eine institutionalisierte Rechtskultur

          Doch in dieser Mischung aus absolutistischem Machtanspruch und spätfeudaler Gönnerhaftigkeit liegt ein doppeltes Problem, das sich in der Studie in Tausenden Opferschicksalen spiegelt: Für einen Bischof gibt es keine Pflicht, über sein Tun und Lassen gegenüber irgendjemandem hierzulande überprüfbar Rechenschaft abzulegen – nicht gegenüber seinesgleichen, nicht gegenüber den Kirchenmitgliedern, der Gesellschaft oder gar dem Staat: Der eine lässt katholische Schulen ungerührt vor die Wand fahren, der andere geht ins finanzielle Risiko, um wenigstens diese Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft nicht auch noch zu schwächen. Gemeinsam gelobten sie finanzielle Transparenz, doch die mit Verve angekündigte Offensive mündete in einem Stellungskrieg, in dem der eine sich nicht in diese und der andere sich nicht in jene Bücher schauen lässt.

          In Sachen sexueller Gewalt ist es nicht anders. Wenn die MHG-Studie eines dokumentiert hat, dann ist es der nonchalante, von Bischofsstadt zu Bischofsstadt wechselnde Umgang mit weltweit verbindlichen Normen des Kodex, einstimmig verabschiedeten Leitlinien und Selbstverpflichtungen in Sachen sexueller Gewalt im Raum der Kirche. Kurz gesagt: Auf diesem wie auf vielen anderen Feldern mangelt es vielleicht hier und da an individuellem Unrechtsbewusstsein, vor allem mangelt es überall an einer institutionalisierten Rechtskultur.

          Die Bischöfe in Österreich haben dieses Problem längst erkannt – und im Ansatz gelöst. Während die deutschen Bischöfe auch nach „Fulda“ in der Vorstellung gefangen sind, Aufklärung und Entschädigung der Opfer seien bei ihnen in den besten Händen, haben die Österreicher unter Führung des Wiener Kardinals Christoph Schönborn schon vor acht Jahren eine unabhängige Opferschutzkommission mandatiert und sich seither deren Entscheidungen unterworfen. Immerhin denken einige Bischöfe hierzulande darüber nach, eine Art überdiözesanen Strafgerichtshof einzurichten, um die (immer weniger werdenden) diözesanen Kirchenjuristen der zweifelhaften Pflicht zu entheben, sich als Ermittler wie Richter über demselben Klerus angehörenden Täter zu gebärden.

          Auch mit diesem Schritt kann es nicht sein Bewenden haben. Immerhin haben Bischöfe gelobt, sich rückwirkend mit Strukturen, Mentalitäten und mit Personen zu befassen, die Geistliche haben zu Tätern werden lassen. Damit drohen Schatten auch auf viele unmittelbare Amtsvorgänger der derzeit aktiven Bischöfe zu fallen – Irland, Australien und die Vereinigten Staaten lassen grüßen.

          Diesen Aufarbeitungsprozess in eigener Regie betreiben zu wollen sollte sich eigentlich von selbst verbieten. Die Lösung bestünde in einer Art unabhängiger Verwaltungsgerichtsbarkeit, die mit umfassenden Ermittlungskompetenzen und ebensolchen umfassenden Berichtspflichten ausgestattet wäre. Das kirchliche Recht stünde dem nicht entgegen. Die Bischöfe müssten es nur wollen. Und wenn nicht alle über ihren Schatten springen möchten, dann sollten die vorangehen, die verstanden haben, dass es keinen anderen Weg gibt als den der Klarheit und Wahrheit, wollte die Kirche jemals wieder Vertrauen gewinnen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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