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Was kommt nach Corona? : Wir leben in einer neuen Ära

  • -Aktualisiert am

Maskenträger bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin Bild: EPA

Die Pandemie flaut gerade etwas ab. Aber selbst wenn wir einen Impfstoff haben, wird die Welt nicht wieder, wie sie einmal war.

          3 Min.

          Die Pandemie flaut gerade etwas ab. Keiner weiß, ob und wie stark sie wiederkommt. Einig sind die Forscher sich aber, dass das Virus nicht verschwinden wird, bis es einen Impfstoff gibt. Und dann? Auch dann wird die Welt nicht mehr sein, wie sie vor Sars-Cov-2 war.

          Jede Ära hat ihre Bedrohungen. Früher heulten in deutschen Städten zweimal im Jahr die Sirenen. In Luftschutzbunkern lagen Matratzen auf den Stahlbetten und Lebensmittel in den Blechschränken. Konnte ja sein, dass der Verteidigungsfall eintritt. Seit in China ein neuartiges Coronavirus von einem Tier auf einen Menschen gesprungen ist, wissen wir, dass es noch akutere Gefahren gibt als russische Jagdbomber.

          Noch vor Jahren wurde eine Pandemie, wie wir sie erleben, von der Bundesregierung als ein Ereignis der „Klasse C“ beschrieben. Das hieß: „einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1000 Jahren“. Glaubt jemand, dass bis zur nächsten Pandemie 100 bis 1000 Jahre vergehen werden?

          Es werden andere Viren kommen

          Die Besiedelung des Planeten ist zu dicht, die Wege sind zu kurz und die Möglichkeiten für ein Virus zu unendlich. Sars–Cov-2 muss sich fühlen wie ein Borkenkäfer auf einer Fichtenplantage. Wäre die ganze Welt so menschenleer wie Mecklenburg-Vorpommern, gäbe es kaum ein Problem. Die Welt ist aber menschenvoll wie Fleischmärkte in Wuhan, Faschingsfeste in Heinsberg und Aprés-Ski-Sausen in Ischgl.

          Indische Reisende auf dem Flughafen von Dubai in Corona-sicherer Schutzkleidung

          Eine Pandemie ist wie das Virus selbst. Beide entstehen einfach, weil sie möglich sind. Viren mutieren durch Kopierfehler und Selektionsdruck vor sich hin. Sars-Cov-2 hatte viele Cousins und Cousinen, von denen wir nie gehört haben, weil sie durch Zufall nicht das Potential für eine Pandemie hatten.

          Es war aber nur eine Frage der Zeit, bis ein Virus entstand, das die Eigenschaften von Sars-Cov-2 hatte; und dann nochmal nur eine Frage der Zeit, bis dieses Virus einem Menschen begegnete. Es musste die Atemwege befallen, um sich schnell über Tröpfchen zu verbreiten. Und es musste seinen Wirt krank machen – also viele Zellen befallen, um sich zu vermehren –, ihn dabei aber nicht oder nicht zu schnell töten. Nur so konnte der Wirt viele weitere anstecken.

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          Wir werden Sars-Cov-2 wahrscheinlich mit einem Impfstoff besiegen. Aber danach werden andere Viren kommen, und wir werden wieder Jahre auf Rettung warten.

          In der Verschnaufpause, vor der Deutschland hoffentlich steht, sollte sich deshalb keine Bequemlichkeit breit machen. Der Shutdown, die Nachverfolgung, die Quarantänen, all diese Maßnahmen müssen verfeinert werden, bis sie ein erprobtes und reibungsloses Mittel des Katastrophenschutzes sind. Das gilt auch für die Tracing-App, sie kann Leben retten. Deutschland braucht außerdem Maskenfabriken und Lagerbestände für Desinfektionsmittel und neue Pandemiepläne auf allen Ebenen der Gesellschaft.

          Früher nur neunzig Zentimeter Abstand

          Wahrscheinlich werden sich auch unsere Werte wandeln, ganz ohne unser Zutun. Lange war es eine Bagatelle, andere Menschen mit den üblichen Erkältungsviren anzustecken. In der Zeit, die vor uns liegt, wird es wahrscheinlich keine Entschuldigung mehr dafür geben, dass jemand hustend und schniefend bei der Arbeit oder in der Schule erscheint.

          Wird es noch Menschen geben, die in die hohle Hand husten statt in den Ellenbogen? Oder Erkältungskranke, die ohne Maske in den Supermarkt gehen?

          Auch könnte sich der Abstand vergrößern, den wir einhalten, wenn wir mit Fremden reden. Im Jahr 2017 betrug er für Deutsche laut einer psychologischen Studie etwas über neunzig Zentimeter. Sollte er auf die epidemiologisch gebotenen anderthalb Meter anwachsen, wäre das mehr, als in jedem anderen Land. Spitzenreiter war bisher Rumänien mit rund 1,30 Meter.

          Auch Türklinken waren mal eine schöne Erfindung, genauso wie Knöpfe an U-Bahn-Türen und Klimaanlagen, die ansaugen, was wir ausatmen, und es dem nächsten ins Gesicht pusten. Vielleicht überlegen sich Ingenieure eine Lösung.

          Eingeübt werden muss auch der Umgang mit Grundrechten. Nicht alle haben verstanden, dass Grundrechte keine Verfügungsmasse sind. Die Gegner eines Immunitätsausweises zum Beispiel warnten vor einer Zweiklassengesellschaft. Sie fanden es unfair, dass der Immune etwas darf, was der Nicht-Immune nicht darf, weil er sich dabei den Tod holen könnte. Wer so redet, hat die Verfassung nicht verstanden. Die Grundrechte gelten automatisch. Sie werden nicht wie ein Gnadenakt gewährt.

          Menschen in Landkreisen einzusperren, in denen es kaum Corona gibt, oder Immune am Besuch von sterbenden Angehörigen zu hindern, war in Zeiten exponentieller Kurven vielleicht unvermeidlich. In Zukunft aber werden solche Maßnahmen streng auf ihre Verhältnismäßigkeit überprüft werden müssen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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