https://www.faz.net/-gpf-803yc

Zukunft der Juden in Europa : Bleiben!

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Wir haben Europa nicht von Hitler zurückerobert, um es jetzt kampflos aufzugeben. Warum wir Juden gerade nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen nicht nach Israel auswandern sollten. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Ist es schon wieder so weit? Müssen wir Juden Europa verlassen, bevor es zu spät ist? Schon wieder? Israels Premierminister Benjamin Netanjahu behauptet das. Er sagt, es sei Zeit für uns Juden, Europa zu verlassen. Schon nach den Morden von Paris hatte er Frankreichs Juden in der dortigen Großen Synagoge zugerufen: „Mit Gottes Hilfe werden viele von euch nach Israel kommen.“ Nun, nach dem Anschlag in Kopenhagen, richtete er den Appell an „alle Juden Europas“. Der Terror werde weitergehen. „Israel ist eure Heimstätte.“

          Sollten wir also auswandern? Tatsächlich ist derzeit eine Verunsicherung zu spüren, wenn Juden andere Juden treffen: „Wie lange geht das hier noch gut?“ Allein innerhalb der letzten zwölf Monate wurden in Belgien, Frankreich, Dänemark Juden in der Öffentlichkeit gezielt ermordet. Mitten in Europa werden jüdische Geschäfte geplündert, Synagogen beschmiert, Friedhöfe verwüstet. Zuletzt die Friedhöfe im französischen Sarre-Union und in Oldenburg. In Deutschland berichten fromme Juden von Beschimpfungen, wenn sie mit Kippa an der Bushaltestelle stehen. Tote gab es hier bisher nicht. Noch nicht. Denn dass uns die deutsche Regierung bei allem ehrlichen, guten Willen nicht restlos vor antisemitischem Terror schützen kann, das sagt sie selbst.

          Europa ohne Juden ist nicht mehr Europa

          Trotzdem sollten wir Netanjahu nicht folgen. Es ist ein vergiftetes Angebot, das er uns macht. Netanjahu steckt im Wahlkampf. Er möchte im März wieder zum Regierungschef gewählt werden, und seine Umfragewerte sind nicht gut. Das Wohlergehen der Juden in der „Diaspora“, wie man in Israel unser selbstgewähltes „Exil“ nennt, interessiert Politiker vom seinem Schlage nur, wenn sie innenpolitisch damit punkten können.

          Zugegeben, auch mir ist unwohl, wenn ich die Bilder aus Paris und Kopenhagen sehe. Meine Familie macht sich Sorgen, wenn ich in der Öffentlichkeit das Wort ergreife. Doch solange dieser Staat und ein nennenswerter Teil der Gesellschaft bereit sind, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um uns zu schützen, werde ich kein Israeli, bleibe ich Europäer, Deutscher.

          Europa gehört uns. Auch uns. So wie Deutschland bis 1933 auch den deutschen Juden gehörte. Uns gehören die Ideale der französischen Revolution ebenso wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Uns gehört die Religionsfreiheit ebenso wie die segensreiche Trennung von Staat und Religion. Uns gehört der Frieden mit den Nachbarstaaten und ein Kontinent frei von Grenzkontrollen. Wir sind Dänen, Franzosen, Deutsche, Europäer. „Frankreich ohne Juden ist nicht mehr Frankreich“, sagt der französische Premierminister. Europa ohne Juden ist auch nicht mehr Europa. Wer Europas Werte leben und verteidigen will, darf dem Unwohlsein nicht nachgeben, das der medial verbreitete Terror einzelner Fanatiker hervorruft.

          Israel wird immer unsere letzte Zuflucht bleiben

          Und noch etwas ist anders im Europa des 21. Jahrhunderts. Das immer schon schiefe Bild von Juden, die wie Kaninchen auf die Schlange starren, ist Geschichte. Wir tragen den Kopf heute oben. Wir sehen, was geschieht. Wir vergessen nicht, was unseren Familien geschah. Meine Großeltern gehörten zu den letzten Juden, die Deutschland noch verlassen konnten, bevor das NS-Regime im Oktober 1941 ein Ausreiseverbot für Juden erließ. Mein Großvater hatte viel zu lange an einem Deutschland-Bild festgehalten, das nur noch als seine Halluzination existierte. Sein Bild war geprägt von der Judenemanzipation des wilhelminischen Kaiserreichs, einer Epoche, in der die deutschen Juden zu gleichberechtigten Staatsbürgern aufstiegen und viele Familien zu Wohlstand kamen. Diesem Deutschland hielt er die Treue, als es schon lange vernichtet war.

          Mir wird das nicht passieren. Das habe ich mir geschworen. Und diesen Schwur legt jeder europäische Jude ab, sobald er mit dem Denken begonnen hat. Noch mal in einem Land verharren, in dem man unsere Vernichtung plant, den Verstand vernebelt von der Liebe zur Heimat oder der Angst um den Besitz – das wird uns kein weiteres Mal passieren. Ungebetene Ratschläge aus Israel brauchen wir nicht. Netanjahu schützt die israelischen Juden schlechter vor den Raketen der Hamas, als Europas Regierende die europäischen Juden vor antisemitischem Terror schützen.

          Israel – kein Missverständnis! – teilt unsere europäischen Werte mehr als jeder andere Staat der Region, auch wenn ich die Trennung von Staat und Religion dort schmerzlich vermisse. Israel wird immer unsere letzte Zuflucht bleiben. Aber wir haben Europa nicht von Hitler zurückerobert, um es jetzt kampflos aufzugeben. Wem Europas Werteordnung etwas wert ist, der bleibt.

          Lorenz Beckhardt wurde 1961 in Wiesbaden geboren. Seine Eltern überlebten als Juden den Holocaust durch Flucht nach Großbritannien. Viele seiner Verwandten aber wurden in Vernichtungslager der Nazis deportiert und umgebracht. Sein Großvater ist Fritz Beckhardt, der höchst dekorierte deutsch-jüdische Kampfflieger des Ersten Weltkriegs.

          Von 1990 an berichtete der studierte Chemiker Beckhardt für die ARD über Wissenschaftsthemen. Von 1993 bis 2005 arbeitete er als Reporter und Redakteur für das ARD-Morgenmagazin und die Tagesschau, unter anderen in den ARD-Studios Paris, Brüssel und Tel Aviv.

          Er ist Autor und Redakteur von historischen Dokumentationen. 2006 wurde er Redakteur des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks & Co und Leiter der WDR-Redaktion des 3sat-Wissenschaftsmagazins nano. Im Oktober 2014 erschien die Geschichte seiner Familie unter dem Titel „Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie“ im Aufbauverlag.

          Weitere Themen

          Schäuble mahnt EU zu mehr Entschlossenheit

          „Humboldt-Rede“ : Schäuble mahnt EU zu mehr Entschlossenheit

          In seiner Rede an der Humboldt-Universität fordert der Bundestagspräsident die Mitgliedstaaten auf, Europa nicht nur „als Kontinent des guten Gewissens zu begreifen“. Auch von der Bundesregierung erwartet er mehr Einsatz: für europäische Reformen.

          Topmeldungen

          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.