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Umbrüche bei Volkswagen : Alles außer Autos

Wer kann hier noch mit wem? Die VW-Vorstandsmitglieder Renschler, Stadler, Diess, Witter, Müller, Werner, Blessing, Garcia-Sanz und Heizmann im März Bild: dpa

VW ist sehr erfolgreich, aber trotzdem soll mit Herbert Diess nun ein neuer Chef her. Über ein Unternehmen mit mächtigen Seilschaften, denen sich weder Manager noch Politiker entziehen können.

          Die spannendsten Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte sind zuletzt in Wolfsburg geschrieben worden. Koi-Karpfen, Lustreisen und Millionenabfindungen bildeten dabei nur pikante Exkurse in Erzählungen, die auch ohne solch schmückendes Beiwerk fesselnd genug sind. Denn die Bühne ist staffiert mit forsch auftretenden Managern und bulligen Betriebsräten, mit verschwiegenen Scheichs, der zerstrittenen Nachkommenschaft eines legendärer Autoingenieurs, die als größte Anteilseigner ihre Netze spinnt, sowie Landespolitikern, die sich ebenfalls untereinander belauern. Die jüngste Kabale, die aus dieser Konstellation erwächst, ist die in den vergangenen Wochen heimlich und leise vorbereitete Ablösung des VW-Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Der frühere Porsche-Chef Müller wird ersetzt durch Herbert Diess, bislang Chef der Marke VW. Wenn Diess heute seinen ersten Auftritt als Konzernchef haben wird, bedeutet dies den lange von ihm ersehnten Aufstieg. Schon bei BMW hatte der Münchener Ingenieur den Vorstandsvorsitz angestrebt, unterlag allerdings damals dem heutigen BMW-Chef Harald Krüger. Der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn holte ihn daraufhin im Juli 2015 als Chef für die Kernmarke VW nach Wolfsburg. Diess galt damals als Kronprinz Winterkorns.

          Müller sollte bis 2020 bleiben

          Der Abgasskandal um manipulierte Dieselmotoren durchkreuzte allerdings keine drei Monate später Diess’ Karriereplanung. Winterkorn musste gehen, bevor Diess richtig in Wolfsburg angekommen war. Die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch holten so in der Not den von ihnen geschätzten Porsche-Chef Matthias Müller an die Spitze, um VW aus der Krise zu führen, was ihm auch gelang. Bis 2020 sollte der 64 Jahre alte Müller in Wolfsburg bleiben.

          Am Montag ahnte Matthias Müller noch nichts davon, dass nun zwei Jahr früher Schluss sein soll. Noch am Vormittag berichtete er in der Wolfsburger Konzernzentrale vor Mitarbeitern von seinen Zukunftsplänen für Volkswagen. Gut gelaunt und engagiert sei er da gewesen, ist zu hören. Als dann die Nachricht von seiner bevorstehenden Ablösung eintraf, wirkten Müller und seine engen Vertrauten überrascht. Die Verantwortlichen im Aufsichtsrat wollten die Sache erst nach ihrer Sitzung an diesem Freitag publik machen. Doch nach einer Medienanfrage ließ sich die über Wochen vorbereitete geheime Kommandosache nicht mehr unter der Decke halten. Die Ad-Hoc-Mitteilung von VW war zwar kryptisch formuliert, doch schnell war klar: Diess ersetzt Müller.

          Lang ersehnter Aufstieg: Herbert Diess löst VW-Chef Matthias Müller ab.

          Warum dieser überraschende Schritt? Anfang Mai trafen sich die Anteilseigner von Volkswagen in Berlin zur Hauptversammlung. Es hätte Müllers große Stunde werden können: Gerade erst hatte der VW-Chef mit der Jahresbilanz 2017 Höchststände bei Absatz, Umsatz und operativem Gewinn gemeldet. VW steht unter seiner Führung besser da als erwartet. Die Digitalisierung läuft, bei der Wende zur Elektromobilität hat Müller dem Unternehmen ehrgeizige, aber auch erreichbare Ziele gesetzt. Selbst beim Kulturwandel des Unternehmens, den der Aufsichtsrat und der Vorstand nach der Aufdeckung der Manipulationen an weltweit rund elf Millionen Dieselautos im Herbst 2015 versprochen hatten, konnte der Vorstandsvorsitzende erste Fortschritte melden. Oberflächlich deutete nichts auf eine Ablösung Müllers hin.

          Doch hinter den Kulissen schmiedeten in Wolfsburg starke Kräfte neue Allianzen. Wer verstehen will, was zu Müllers Sturz führte, sollte sich weniger die Frage stellen, was der VW-Chef inhaltlich falsch gemacht hat. Spannend wird es, wenn man fragt, warum welche Veränderungen es im Vorstand gibt. Vor allem vier Männer im Aufsichtsrat sollen sich im Aufsichtsrat für den vorgezogenen Wechsel zu Diess ausgesprochen haben. Da ist zum einen Hans Michel Piëch, der im Eigentümerclan eine gewichtigere Rolle spielt, seitdem er einen Großteil der Anteile seines Bruders Ferdinand übernommen hat, der als Firmenpatriarch lange die Geschicke des Volkswagen-Konzerns bestimmte. Auch Wolfgang Porsche hält viel von Diess.

          Eine wesentliche Rolle soll aber auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil gespielt haben, der Müller schon früh skeptisch beäugte. Dass es für Diess jetzt – früher als erwartet – funktioniert hat, zur Nummer Eins zu werden, liegt vor allem aber daran, dass es dem neuen Vorstandschef gelungen ist, mit dem mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh und der IG Metall einen Burgfrieden auszuhandeln. Noch vor einem Jahr sah das ganz anders aus. Da hatte Osterloh im Streit um Kostensenkungen bei der Kernmarke VW den offenen Konflikt mit Diess gesucht. Diess stand im Februar 2017 deswegen kurz vor dem Sturz. Und Müller, so ist zu hören, soll sich nicht nachdrücklich auf die Seite seines Vorstandskollegen gestellt haben. Gestützt wurde Diess damals von den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, die seine Rolle als ehrgeiziger Kostendrücker und Renditebringer schätzten.

          Diess und Osterloh nähern sich an

          Während sich im weiteren Verlauf dann Reibereien zwischen Müller und den Eigentümerfamilien sowie mit Ministerpräsident Weil häuften, kam es in Wolfsburg im Verborgenen zu einer Annäherung von Diess und Osterloh. Gezielte Nadelstiche gegen den Einfluss der IG Metall bei VW, mit denen der Markenchef vorher gerne provozierte, verkniff Diess sich jetzt. Das Effizienzprogramm – bei VW „Zukunftspakt“ genannt –, auf das sich Vorstand und Betriebsrat einigten, zeigt Wirkung und wird von beiden gelobt. Offenbar erkennt Osterloh bei allen Gegensätzen an, dass Diess bei der Umsetzung der Strategie von VW entschlossener und härter zur Sache geht als Müller und damit für den Wandel der Branche der bessere Mann sein könnte. Diess wiederum scheint das drohende Ende seiner Karriere im Frühjahr 2017 zu der Erkenntnis gebracht zu haben, dass ohne oder gar gegen die IG Metall bei VW nichts läuft. Auch deswegen dürfte er zugestimmt haben, Osterlohs engsten Berater Gunnar Kilian zum neuen Personalvorstand zu machen. Osterloh bekäme mit dieser Personalie einen noch stärkeren Einfluss, als er durch die bei VW ohnehin besonders starke Mitbestimmung ohnehin schon hat. Kilian überzeugte aber auch die Anteilseigner. Er hat sich ein Netz in die Eigentümerfamilien aufgebaut, nachdem ihn Firmenpatriarch Ferdinand Piëch 2012 als Büroleiter nach Salzburg holte – eine Schlüsselposition im inneren Machtgefüge des Eigentümerclans.

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          Auch der SPD-Politiker Weil dürfte mit der Personalie Kilian zufrieden sein. Kilian ist Sozialdemokrat. In die geplante Ablösung Müllers soll der niedersächsische Ministerpräsident schon sehr früh eingebunden gewesen sein. Dem Vernehmen nach erst deutlich später eingeweiht wurde hingegen der andere Landespolitiker im Aufsichtsrat des Konzerns, Weils Wirtschaftsminister Bernd Althusmann. Beide Seiten spielen diesen Vorgang herunter und verweisen darauf, dass der seit 2013 regierende SPD-Politiker Weil „eine andere Vorgeschichte“ in den Wolfsburger Hintergründen habe als der CDU-Politiker Althusmann, der erst seit November im Amt ist. Der Ministerpräsident gehöre anders als Althusmann dem engeren Führungszirkel des Aufsichtsrates an und habe auch dafür sorgen müssen, dass der Plan mit Diess und Kilian nicht zu früh publik wurde.

          All das ist zutreffend, zugleich ist aber nicht zu übersehen, dass sich Weil und Althusmann gegenseitig nicht über den Weg trauen. Althusmann, der sein Ministerium gegenwärtig zu einer Gegen-Staatskanzlei ausbaut, hatte den Ministerpräsident während des Wahlkampfs im vergangenen Sommer immer wieder hart attackiert in Sachen VW. Als CDU-Spitzenkandidat hatte er damals auch angekündigt, künftig solle nur noch der Ministerpräsident in den VW-Aufsichtsrat einziehen. Statt des Wirtschaftsminister solle ein „versierter Experte von außen“ in das Gremium. Nach der Wahl war davon dann nicht mehr die Rede. Althusmann konnte es sich nicht leisten, den Wolfsburger Konzern, von dessen Erfolg das Wohlergehen des ganzen Landes abhängt, seinem schärfsten Rivalen zu überlassen.

          Ein weiterer Faden im Problem-Knäuel

          Nicht anders scheint es auch um die Ankündigung der CDU bestellt, ein „professionelles Beteiligungsmanagement der Landesregierung bei VW“ zu etablieren. Vor der Landtagswahl im Oktober war in Niedersachsen im Zuge des Diesel-Skandals recht offen über die Beteiligung des Landes an VW diskutiert worden. Infrage gestellt wird die über das VW-Gesetz abgesicherte Sperrminorität zwar nicht einmal von der Landtags-FDP. Die Freien Demokraten fordern allerdings eine Entpolitisierung. Statt des Ministerpräsidenten und seines Wirtschaftsministers sollten künftig die Geschäftsführer einer Beteiligungsgesellschaft die Interessen des Landes bei VW wahrnehmen. Dann müsse der Ministerpräsident seine Worte zu VW auch nicht mehr mit den Juristen der Rechtsabteilung des Konzerns abstimmen, argumentiert der FDP-Vorsitzende Stefan Birkner. Sein Parteifreund Jörg Bode, der früher als Wirtschaftsminister im VW-Aufsichtsrat saß, berichtet zudem von Reibungsverlusten innerhalb der Regierung. „Es kann sein, dass der Ministerpräsident, der Wirtschaftsminister und der Finanzminister komplett unterschiedliche Vorbereitungen bekommen“, sagt Bode. „Und der Abstimmungsbedarf kostet Zeit.“

          Ein mit den Achse Hannover–Wolfsburg Vertrauter bestätigt diese Einschätzung. „Wenn ich als niedersächsischer Bürger wüsste, wie das Land mich bei VW vertritt, hätte ich Bedenken.“ In den drei beteiligten Häusern Staatskanzlei, Wirtschaftsministerium und Finanzministerium beschäftigten sich jeweils vielleicht ein oder zwei Personen zeitweilig mit VW. Das Land verfüge weder über die betriebswirtschaftliche noch über die juristische Expertise, seinen 20-Prozent-Anteil auch nur annähernd so professionell zu betreuen wie dies private Anteilseigner gewöhnlich täten. Zu oft sei das Land auf die Zuarbeit durch die Wolfsburger Konzernzentrale oder die Dienste von Anwaltskanzleien angewiesen. „Sie brauchen aber Know How im eigenen Haus.“ Zumindest sei es aber erforderlich, die bisher auf drei Häuser verteilten Zuständigkeiten im Finanzministerium zu bündeln.

          Das ist ein weiterer Faden im Problem-Knäuel VW. Über die Verwaltung der Landesbeteiligung an VW war auch in den Koalitionsverhandlungen gesprochen worden. Ministerpräsident Weil soll sich dabei jedoch gegen Veränderungen gesträubt haben. Auf der SPD-Seite argumentiert man, viel mehr Stellen für die VW-Beteiligung seien gar nicht nötig, weil es „bisher auch so geklappt hat“. Die Expertise, die man im Konfliktfall benötigt, sei zudem so speziell – einmal sind es Compliance-Fragen, beim nächsten Mal Detailfragen des Aktienrechts der Vereinigten Staaten –, dass man sie in einer Behörde gar nicht vorhalten könne.

          Dem Sog kann sich kein Politiker entziehen

          Die von der CDU im Koalitionsvertrag verankerte Ankündigung, die Landesbeteiligung „bündeln und professionalisieren“ zu wollen, wird so allenfalls andeutungsweise eingelöst. Die Aufteilung der Kompetenzen bleibt wie bisher, es werden lediglich im Wirtschaftsministerium zwei neue Stellen und in der Staatskanzlei eine neue Stelle geschaffen. „Die CDU und insbesondere Bernd Althusmann bleibt damit weit hinter dem zurück, was sie vor der Wahl gesagt hat“, kritisiert der FDP-Vorsitzende Birkner.

          Als sie selbst an der Regierung beteiligt war, hatte aber auch die FDP einsehen müssen, dass sich das Wolfsburger Machtgeflecht nicht von Hannover aus entwirren lässt. Dem Sog der Strukturen, die bei der Ablösung von Müller abermals aktiv waren, konnte sich bislang noch kein Politiker entziehen. Althusmann dürfte es daher inzwischen bereuen, dass er sich im Wahlkampf als furchtloser Aufräumer in Schale geworfen hat und dann nach seiner ersten Sitzung als VW-Aufsichtsrat versuchte, in der Öffentlichkeit mit Widerstand gegen ein angeblich vorgestelltes, neues Vergütungssystem für die Manager zu punkten. Im Zuge der Ablösung von Müller durch Diess wird nun auch Althusmann nicht verhindern können, dass der abgelöste Konzernchef weiter Millionenbezüge erhält. Und der Wirtschaftsminister wird im Aufsichtsrat auch über das künftige Salär von Diess befinden müssen, das mutmaßlich nicht minder üppig ausfallen wird.

          Wenn Althusmann dann – wovon in Hannover derzeit jeder ausgeht – brav seine Hand hebt, wird das ein weiterer Beleg dafür sein, wie festgefügt die Machtstrukturen in Wolfsburg sind. Auch Diess hat schließlich erst lernen müssen, dass man im Konzern nicht gegen, sondern nur mit den etablierten Kräften zum Ziel kommt. Das ist die Grundregel, nach der auf dieser sehr speziellen Bühne gespielt wird.

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