https://www.faz.net/-gpf-99260

Umbrüche bei Volkswagen : Alles außer Autos

Doch hinter den Kulissen schmiedeten in Wolfsburg starke Kräfte neue Allianzen. Wer verstehen will, was zu Müllers Sturz führte, sollte sich weniger die Frage stellen, was der VW-Chef inhaltlich falsch gemacht hat. Spannend wird es, wenn man fragt, warum welche Veränderungen es im Vorstand gibt. Vor allem vier Männer im Aufsichtsrat sollen sich im Aufsichtsrat für den vorgezogenen Wechsel zu Diess ausgesprochen haben. Da ist zum einen Hans Michel Piëch, der im Eigentümerclan eine gewichtigere Rolle spielt, seitdem er einen Großteil der Anteile seines Bruders Ferdinand übernommen hat, der als Firmenpatriarch lange die Geschicke des Volkswagen-Konzerns bestimmte. Auch Wolfgang Porsche hält viel von Diess.

Eine wesentliche Rolle soll aber auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil gespielt haben, der Müller schon früh skeptisch beäugte. Dass es für Diess jetzt – früher als erwartet – funktioniert hat, zur Nummer Eins zu werden, liegt vor allem aber daran, dass es dem neuen Vorstandschef gelungen ist, mit dem mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh und der IG Metall einen Burgfrieden auszuhandeln. Noch vor einem Jahr sah das ganz anders aus. Da hatte Osterloh im Streit um Kostensenkungen bei der Kernmarke VW den offenen Konflikt mit Diess gesucht. Diess stand im Februar 2017 deswegen kurz vor dem Sturz. Und Müller, so ist zu hören, soll sich nicht nachdrücklich auf die Seite seines Vorstandskollegen gestellt haben. Gestützt wurde Diess damals von den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, die seine Rolle als ehrgeiziger Kostendrücker und Renditebringer schätzten.

Diess und Osterloh nähern sich an

Während sich im weiteren Verlauf dann Reibereien zwischen Müller und den Eigentümerfamilien sowie mit Ministerpräsident Weil häuften, kam es in Wolfsburg im Verborgenen zu einer Annäherung von Diess und Osterloh. Gezielte Nadelstiche gegen den Einfluss der IG Metall bei VW, mit denen der Markenchef vorher gerne provozierte, verkniff Diess sich jetzt. Das Effizienzprogramm – bei VW „Zukunftspakt“ genannt –, auf das sich Vorstand und Betriebsrat einigten, zeigt Wirkung und wird von beiden gelobt. Offenbar erkennt Osterloh bei allen Gegensätzen an, dass Diess bei der Umsetzung der Strategie von VW entschlossener und härter zur Sache geht als Müller und damit für den Wandel der Branche der bessere Mann sein könnte. Diess wiederum scheint das drohende Ende seiner Karriere im Frühjahr 2017 zu der Erkenntnis gebracht zu haben, dass ohne oder gar gegen die IG Metall bei VW nichts läuft. Auch deswegen dürfte er zugestimmt haben, Osterlohs engsten Berater Gunnar Kilian zum neuen Personalvorstand zu machen. Osterloh bekäme mit dieser Personalie einen noch stärkeren Einfluss, als er durch die bei VW ohnehin besonders starke Mitbestimmung ohnehin schon hat. Kilian überzeugte aber auch die Anteilseigner. Er hat sich ein Netz in die Eigentümerfamilien aufgebaut, nachdem ihn Firmenpatriarch Ferdinand Piëch 2012 als Büroleiter nach Salzburg holte – eine Schlüsselposition im inneren Machtgefüge des Eigentümerclans.

Weitere Themen

Topmeldungen

Brasilien-Star für Bundesliga : Das ist der Bayern-Plan mit Coutinho

Der Transfer-Coup ist gelungen, Philippe Coutinho ist ein Münchner. Doch wie soll der Brasilianer den Bayern nun am besten auf dem Rasen helfen? Die Vorstellungen der Münchner bei diesem Ein-Mann-Projekt sind klar.
Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

F.A.Z.-Sprinter : Eine Ursula-Koalition für Italien?

In Italiens Regierungskrise entscheidet sich, ob es Neuwahlen gibt, „Fridays for Future“ feiert Geburtstag – und in Brandenburg denkt man über eine Kenia-Koalition nach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.