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Zum Tode des SPD-Politikers : Politiker vom Schlage Oppermanns

Thomas Oppermann im Jahr 2015 im Parlament (damals Vorsitzender der SPD-Fraktion) mit Angela Merkel und Volker Kauder (links), rechts daneben: Gerda Hasselfeldt Bild: Reuters

Über alle Parteigrenzen hinweg ist die Erschütterung groß über den Tod Thomas Oppermanns. Er war ein geachteter Mann. Warum ist das so?

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          Über alle Parteigrenzen hinweg ist die Erschütterung groß über den Tod Thomas Oppermanns. Das liegt nicht nur daran, dass jemand mitten aus dem Leben gerissen wurde, vorzeitig, wie man so sagt, weil es in seinem Alter noch nicht die Zeit ist, in der die Gedanken an das Ende, die einen gewiss schon länger begleiten, für realistisch genommen werden. Oppermann war als Politiker ein über jene Grenzen hinweg geachteter Mann. Er war respektiert. Viele der Klischees, welche die tagtägliche „Politikerschelte“ bereithält, perlten nicht, sondern prallten an ihm ab. Warum war das so?

          Oppermanns Reden im Parlament durfte man, als er noch Fraktionspolitiker war, nicht verpassen. Auch weil sie scharf, kantig, manchmal durchaus feurig waren. Man könnte auch sagen: weil sie polarisierten. Oppermanns Kunst war es aber, sein hartes Brett zu bohren, ohne abzurutschen, ohne zu verletzen, ohne zu überdrehen. Er redete zur Sache, und wer nicht sattelfest war, musste sich warm anziehen.

          Das Lob, das ihm zuteilwird, gilt deshalb zu Recht dem Parlamentarier. Bei allen Fehlern, die ihm unterliefen, ging es ihm doch sichtlich darum, im Kampf mit dem parlamentarischen Gegner auf einen guten Weg zu kommen, von dem niemand wissen kann, dass es der beste ist. Das ging ohne Feindschaft; die parteiübergreifende Anerkennung zeigt, dass Polarisierung durchaus notwendig, produktiv und menschlich sein kann. Politiker, das lehrt Oppermann, sollten aus sich und anderen nicht das machen, wozu sie mitunter gemacht werden: zu Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse, je nachdem in welcher Partei sie sind.

          Politiker vom Schlage Oppermanns gibt es mehr als gemeinhin angenommen. Sie sind vielleicht sogar die Regel. Das zu erkennen oder wenigstens für möglich zu halten ist eine ähnliche Kunst wie die von Oppermann gezeigte Haltung im parlamentarischen Alltag. Auch dieser Alltag ist nicht das, was oft – Teil einer um sich greifenden Häme – aus ihm gemacht wird. Politiker haben einen harten Beruf, ohne deshalb zu Berufspolitikern zu werden. Nicht nur Vorbilder wie Oppermann nehmen ihn so ernst wie die Arbeitstiere in jedem anderen Beruf. Viele darunter gehen über ihre Grenzen hinaus, ohne es zu verkraften. Sie zahlen einen hohen Preis, den höchsten. Darum ist das so: Sie verdienen hohen Respekt.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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