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Tod einer Amtstierärztin : Kampfzone Stall

  • -Aktualisiert am

Zwischen den Fronten: Veterinärmediziner Bild: Picture-Alliance

Eine Amtstierärztin bringt sich um. War der Druck von Landwirten auf der einen und Tierschützern auf der anderen Seite zu groß? Über die aufreibende Arbeit zwischen Massenviehhaltung und Tiereswohl.

          7 Min.

          Wenige Stunden vor ihrem Tod räumte Anya Rackow ihren Büroschreibtisch auf. Ein Montag, 11 Uhr. Zum letzten Mal verabschiedete sie sich von ihren Kollegen im Veterinäramt. Sie brachte ihren Hund in eine Pension. Sie schrieb ihr Testament. Wahrscheinlich hatte sie das Gift, mit dem sonst Tiere getötet werden, da schon bei sich zu Hause.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Anya Rackow hatte als Amtsveterinärin schon viele Tiere damit umbringen müssen, und jedes Mal litt sie mit. Familienfeiern ließ sie ausfallen, weil niemand auf ihre Hunde und Pferde aufpassen konnte. Ihr Bett war mit Tierbettwäsche bezogen. Der Tierschutz war ihre Lebensaufgabe, würde es später in einem Nachruf heißen.

          Wer die Tiere liebt, ärgert sich oft über die Menschen. Anya Rackow kontrollierte 20 Jahre für das Veterinäramt Bad Mergentheim in der baden-württembergischen Provinz Bauernhöfe und Schlachtereien. Sie schaute nach, ob zu viele Schweine in einer Box stehen, alle Rinder eine Ohrmarke haben. Meistens war alles in Ordnung, aber manchmal eben auch nicht.

          Von 1000 Landwirten machen im Schnitt zehn bis 15 Probleme. Die Tierärztin musste dann Strafen verhängen, die den Landwirten finanziell weh taten.

          Anya Rackow war preußisch, fleißig, unbestechlich – das sagt ihr Vorgesetzter. Sie war übergenau und arrogant – sagen manche Landwirte. Auf jeden Fall war sie hart. Gegen andere, aber vor allem gegen sich.

          Deswegen wollte sie wohl auch die Gefahr nicht sehen. Ihr wurden von Landwirten Prügel angedroht. Sie hatte vier Handys, drei für den privaten Gebrauch, eines dienstlich. Anya Rackow zog sich immer mehr zurück, das fiel auch den Kollegen auf. Der Leiter des Veterinäramts bat sie um ein Mitarbeitergespräch.

          Was los sei, fragte er. „Ich werde bedroht.“ Ob sie sich bedroht fühle oder konkret bedroht werde, fragte der Vorgesetzte. Sie sagte: „Ich werde bedroht.“ Er wollte ihr helfen, bot ihr an, sie in eine andere Abteilung zu versetzen. Anya Rackow wollte nicht, denn das ändere nichts. „Ich bin zum Abschuss freigegeben.“

          14 Tage später war Anya Rackow tot. Sie hatte sich an einem Montag im Oktober vergangenen Jahres in ihrer Wohnung vergiftet. Erst zwei Tage später fand die Polizei sie. Einer Nachbarin war aufgefallen, dass der Schlüssel von außen steckte. In der Wohnung hingen überall kleine Zettel, wo was zu finden sei. Anya Rackow war organisiert – bis zum Schluss.

          Und konsequent. Das ist es vor allem, was Horst Schöntag, ihren Vorgesetzten und Amtsleiter, bis heute beeindruckt und erschreckt zugleich. „Ihr Selbstmord war der logische Schritt. Sie wusste, dass sie ihre Arbeit nicht mehr so machen konnte wie bisher. Also hörte sie auf, mit allem.“

          Attacken von Seiten der Tierschützer

          Alle Amtstierärzte, nicht nur Anya Rackow, stehen im Feuer von vielen Seiten. Sie müssen einen Kompromiss finden zwischen Massenproduktion und Tierwohl. Sie wollen nur das Beste für die Tiere. Aber mit dem, wie sich viele Verbraucher einen Bauernhof vorstellen – zehn Schweine, drei Hühner, fünf Schafe – hat die landwirtschaftliche Produktion heute nicht mehr viel zu tun. Kommt es zu einem Skandal – Gammelfleisch oder Pferdefleisch – rufen viele nach mehr Kontrolle. Aber mehr Personal gibt es dafür nicht. Am Ende sind alle unzufrieden.

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