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Tod einer Amtstierärztin : Kampfzone Stall

  • -Aktualisiert am

Sie erlebte 2006 die Schweinepest mit – „eine enorme psychische Belastung“. Der Amtsvertreter, der die Tiere wegnimmt, auf der einen Seite – der Landwirt, der um seine Existenz bangt, auf der anderen. Dabei seien die meisten gar nicht sonderlich aggressiv, sagt die Tierärztin, die nun ihre Ruhe haben will, weswegen ihr Name auch nicht in der Zeitung stehen soll.

Schlimmer seien die privaten Tierhalter, die „halbreligiös“ um ihre 20 Katzen in der kleinen Wohnung kämpften. Mancher Veterinär habe für solche Einsätze Selbstverteidigung gelernt, ohne Polizeibegleitung betrete kaum einer noch eine Wohnung. Ein aufgebrachter Tierhalter rief der Ärztin hinterher, man müsse ihr einen Bolzen durch den Kopf jagen. Ein Zirkusbesitzer drohte: „Wenn Sie noch einmal kommen, freuen sich die Löwen.“

Viele waren schockiert, aber nicht überrascht

Die Tierärztin kennt die Geschichte von den Bedrohungen und dem Tod ihrer Kollegin Anya Rackow. Sie selbst habe rechtzeitig den Absprung geschafft, sich in Therapie begeben, Anya Rackow offenbar nicht. Nicht nur sie erschreckte darüber, überall im Land schreckten sie in den Ämtern auf. In Bad Mergentheim kamen Dutzende E-Mails an, mit dem Tenor: „Bei uns ist es genauso.“ Viele waren schockiert, aber nicht überrascht.

Denn woran das System der Amtstierärzte krankt, spüren alle. Da ist einmal der eigene Anspruch. Wer Tierarzt wird, will Gutes tun. Dem Hund geht es nach der Operation besser, die Katze ist endlich von dem schmerzenden Stachel befreit. Wer die Beamtenlaufbahn einschlägt, kann Karriere machen und hat ein sicheres Einkommen.

Aber er muss auch auf die Höfe, sich mit ärgerlichen Landwirten herumschlagen und unpopuläre Entscheidungen treffen. Früher hatten die Amtstierärzte einen recht großen Entscheidungsspielraum. Heute gibt es ganz klare Vorgaben.

Festgehalten sind sie in der „Checkliste Cross Compliance“ für landwirtschaftliche Unternehmen. Erwähnt man diese 30 Seiten starke Liste, sprudeln Bauern und Ärzte sofort los. Denn das Ausfüllen des Fragebogens ist nicht nur aufwändig.

Wo der Amtsvertreter vorher ein Auge zudrücken konnte, kann er sich jetzt nur noch zwischen „Ja“ und „Nein“ entscheiden. Ist zu oft „Nein“ angekreuzt, kann das den Landwirt bis zu mehreren Tausend Euro kosten, die ihm an Fördermitteln gestrichen werden. Aber auch die Veterinäre fühlen sich nicht wohl in dieser Rolle, sie haben sich ihren Berufsalltag eigentlich anders vorgestellt. Aber sie haben keine Wahl.

Nicht nur der Tierschutz beginnt schon im Stall

Zum Anderen gibt es zwar immer mehr Verordnungen, die kontrolliert werden müssen, aber immer weniger Kontrolleure. Nicht nur der Tierschutz, sondern auch die Lebensmittelüberwachung beginnt schon im Stall, und endet in der Zoohandlung und an der Metzgertheke. Ein Teil der Betriebe wird zufällig überprüft; wer in der Vergangenheit auffällig war, muss zudem mit einem Besuch der Amtsveterinäre rechnen. Bei nur sechs Tierärzten, die zum Beispiel in Anya Rackows Landkreis tätig waren, wird es da schnell eng.

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