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NSU-Kommentar : Warum Richter und Anwälte einen guten Job gemacht haben

Beate Zschäpe am Dienstag neben ihrem Anwalt Mathias Grasel Bild: dpa

Nach vier Jahren und vielen Pannen und Peinlichkeiten geht der NSU-Prozess mit den Plädoyers seinem Ende entgegen. Allen Widrigkeiten zum Trotz haben die Richter und Anwälte ordentliche Arbeit geleistet.

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          Ein Strafprozess ist kein „Stuhlkreis“. Daran musste der Vertreter des Generalbundesanwalts im NSU-Prozess jüngst wieder erinnern. In der vergangenen Woche wurde sein Plädoyer verschoben, weil die Verteidiger verlangt hatten, dass sein Vortrag auf Tonband aufgenommen wird. Nun klagte ein Angeklagter, er komme beim Mitschreiben nicht hinterher und auch in der Pause habe er sich aufgrund der schlechten Luft nicht erholen können. Bis zum 375. Verhandlungstag durchziehen den Prozess peinliche Zwischenfälle – es sind Zumutungen für alle Beteiligten.

          Schon vor Verhandlungsbeginn war es das Oberlandesgericht München selbst, das für negative Schlagzeilen sorgte: Die Akkreditierung für die Journalisten gelang erst, nachdem Karlsruhe eingeschritten war. Häufiger war es die Hauptangeklagte, die nach Kräften versuchte, das Verfahren zu torpedieren: Sie stellte ihre Verteidiger bloß, beantragte ihre Entpflichtung, stellte sogar Strafanzeige – seit Monaten gibt es keine Kommunikation mehr mit den Anwälten, die ihr von Beginn an zur Seite standen. Zeitweise sah es so aus, als würde der Prozess platzen.

          NSU-Prozess : Bundesanwaltschaft sieht Zschäpe als Mittäterin

          Doch aller Widrigkeiten zum Trotz haben die Münchener Richter in den vergangenen vier Jahren und drei Monaten alles daran gesetzt, das Mosaik des Schreckens zusammenzusetzen. Jedes Beweisstückchen nahmen sie auf, drehten es in alle Richtungen, legten es hier und dort an, bis der richtige Platz gefunden war. Eine schwierige Aufgabe, nicht nur weil die mutmaßlichen Haupttäter tot sind und die vorgeworfenen Taten bis in die neunziger Jahre zurückreichen, sondern auch weil Zschäpe wenig bis nichts zur Aufklärung beitrug, selbst wenn sie nach langem Schweigen schließlich doch eine Erklärung verlesen ließ.

          Dass die Beweisaufnahme geschlossen werden konnte, ist eine Leistung, die nicht gering zu schätzen ist. Nun beugen sich die Bundesanwälte und die Verteidiger über die zusammengesetzten Beweisstücke und ziehen ihre Schlüsse. Die Bundesanwaltschaft sieht ihre Anklage im wesentlichen bestätigt. Natürlich beantwortet das Bild, das durch die Beweisaufnahme entstanden ist, nicht alle Fragen. Manches bleibt im Dunkeln, einiges werden Untersuchungsausschüsse noch ans Licht bringen. Entscheidend im Strafprozess ist, dass die Richter über Zschäpes Beitrag zu den zehn Morden urteilen können. Und das können sie.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

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