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Aufklärung von Missbrauch : „Die katholische Kirche muss die Kurve kriegen“

Ein Messdiener betet während eines Gottesdienstes. (Symbolbild) Bild: dapd

Auf seiner Irland-Reise trifft der Papst auch Missbrauchsopfer. Benno Hafeneger, der etliche Missbrauchsfälle aufgearbeitet hat, erklärt, welchen Fragen sich die katholische Kirche stellen muss.

          Herr Hafeneger, über Jahrzehnte haben sich Priester in mehreren Staaten an Kindern vergangen. Warum werden solche Fälle so lange nicht öffentlich?

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Wenn ich höre, welche Dimension die Missbrauchsfälle in Australien, in den Vereinigten Staaten oder auch in Irland haben, bin ich auch als Wissenschaftler erschüttert darüber, wie Institutionen und deren zentrale Akteure – nämlich Pfarrer und Bischöfe – das Ganze über Jahre oder sogar Jahrzehnte vertuschen konnten. Doch dahinter stehen geschlossene Systeme, die hierarchisch organisiert sind, nicht kontrolliert werden und keine Öffentlichkeit haben. So kommt es, dass Fälle von Pädophilie hingenommen werden, dass Gewalt gegen Kinder wie selbstverständlich zum Alltag gehört. Auch weil diese Systeme verbunden sind mit Macht, die in Gewalt ausgelebt werden kann. Aber glücklicherweise werden Leid und Unrecht irgendwann dann doch öffentlich.

          Aber oft erst nach vielen Jahren, in denen die Betroffenen allein gelassen wurden mit ihren traumatisierenden Erfahrungen.

          Die Bundesrepublik hat die Geschichte der Heimerziehung jahrzehntelang verdrängt. Kein Mensch hat sich dafür interessiert. Es brauchte erst Betroffene, ehemalige Heimkinder, die nach langer Zeit bereit waren, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Das wurde dann begleitet durch guten Journalismus und erste wissenschaftliche Fallstudien. So entstand eine Dynamik, die Zeit für die Aufarbeitung der Fälle war reif. Scheinbar braucht es beim Thema Missbrauch ein solches Zusammenspiel, das Einrichtungen und Institutionen dazu zwingt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

          Welche Rolle spielt Religion im Kontext von Missbrauch?

          Gerade wenn es um Religiosität geht, kommt eine doppelte Botschaft hinzu. Zum einen kommt die Sünde ins Spiel, das schlechte Gewissen, die Hierarchie, die Priester gegenüber Kindern ausleben, die dagegen völlig hilflos sind. Es ging in religiösen Erziehungseinrichtungen darum, Kinder mit strenger und strafender Erziehung gottesfürchtig zu machen, das war der zentrale Begriff. Sie sollten nicht nur lernen, im Leben zurechtzukommen, sondern sie sollten gottgläubig werden. Das wurde verbunden mit dem Einimpfen von Schuld und einem schlechten Gewissen.

          Benno Hafeneger, Professor am Institut für Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg (em.) und Aufklärer für die Aufarbeitung der Heimerziehung in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal

          Und was ist der zweite Aspekt?

          Kinder sind auf ihre Art und Weise – und gerade in Einrichtungen wie Kinderheimen – immer bedürftig nach Nähe, nach Zuwendung, nach Verständnis. Das können Akteure wie Pfarrer oder Heimerzieher in geschlossen Systemen ausnutzen. Viele Kinder, die aus problematischen Familiensituationen kommen und Erfahrungen mit Gewalt gemacht haben, werden so doppelt bestraft. Sie hoffen, Anerkennung und Trost zu finden, und kommen stattdessen wieder in Abhängigkeit von Erwachsenen, die ihre Gewaltbedürfnisse, ihre sexuellen Bedürfnisse an ihnen ausleben. Die Fälle, die wir im Zusammenhang mit Korntal untersucht haben, fallen in eine Zeit, in der Sexualität weitgehend tabuisiert war. Man hatte überhaupt keine Vorstellung davon, dass Kinder emotionale Bedürfnisse haben und einbringen, wie man mit der Sexualentwicklung umgeht oder wie eine kluge Sexualpädagogik aussieht. Das ganze Thema war negativ besetzt. Heute ist das anders, zumindest in vielen Bereichen.

          Die katholische Kirche tut sich mit dem Thema Sexualität aber immer noch schwer.

          Wenn die Kirche ihren Umgang mit Sexualität zum Thema macht, wirft das natürlich auch strukturell vielfältige Fragen auf: Welches Verhältnis haben wir als Kirche zu Sexualität? Welches Personal rekrutieren wir? Wie lebt dieses Personal seine Sexualität aus und wann sind dadurch Kinder und Jugendliche in Gefahr? Diesen Fragen muss sich die katholische Kirche stellen.

          Welches Vorgehen empfehlen Sie der katholischen Kirche zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen?

          Die katholische Kirche muss beim Thema Missbrauch die Kurve kriegen, sonst wird das zum Dauerproblem. Es darf nicht sein, dass jedes Vierteljahr neue Fälle auftauchen und die Kirche zugestehen muss: ‚Ach ja, da war auch noch was.‘ Das bringt sie so in Misskredit, dass sie in existentielle Krisen kommt. Deshalb muss sie sagen: ‚Jetzt muss alles auf den Tisch.‘ Sie muss Aufklärern Zugang zu allen Akten verschaffen. Und sie sollte sich klar dazu bekennen, dass sie als Institution involviert ist – und dass dieses Involviertsein strukturelle Gründe hat. Weil sie eine autoritäre, hierarchische und von Männern dominierte Organisation ist. Und weil sie aufgrund dessen auch bestimmte Männer anzieht.

          Kirchliche Einrichtungen haben aber auch aus den aufgearbeiteten Fällen gelernt.

          Ja, es gibt mittlerweile relativ umfangreiche Präventions- und Schutzkonzepte. Es wurden Regularien verabschiedet, denen sich alle Mitarbeiter unterwerfen müssen in ihrer pädagogischen Arbeit. Aber das muss im Alltag auch konsequent umgesetzt werden. Und das Thema Missbrauch und Gewalt gegen Kinder muss künftig einer Dauersensibilität unterliegen. Es reicht nicht, nur einmal ein entsprechendes Papier zu formulieren.

          Die Aufarbeitung der Gewalt in den Heimen der Brüdergemeinde

          Die Gewalt in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde im baden-württembergischen Korntal wurde 2014 öffentlich, als der ehemalige Heimbewohner Detlev Zander gegen die Brüdergemeinde klagte. In drei Heimen der Gemeinde wurden zwischen dem Ende der Vierziger- und den Achtzigerjahren Hunderte Kinder erniedrigt, missbraucht und zur Arbeit gezwungen. Ein erster Versuch, die Fälle aufzuarbeiten, scheiterte – auch, weil sich die Betroffenen zerstritten hatten. Im April 2017 erhielten die Juristin Brigitte Baums-Stammberger und der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger den Auftrag, die Fälle wissenschaftlich aufzuarbeiten. Sie führten dazu bis zur Veröffentlichung ihres Abschlussberichts im Juni dieses Jahres 105 Interviews und untersuchten alle vorliegenden Akten. Die Aufarbeitung sollte Voraussetzung sein „für die Anerkennung von erlittenem Leid und Unrecht, für Lernprozesse und präventives Handeln“. Der Abschlussbericht stieß auf große Beachtung und Zustimmung, es gab aber auch Kritik, sowohl an einzelnen Aspekten der Aufarbeitung, als auch an den von der Brüdergemeinde angebotenen Anerkennungsleistungen (im Einzelfall bis zu 20.000 Euro).

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