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Jörn Kruse will AfD verlassen : „Chemnitz war zu viel“

Der Fraktionsvorsitzende der AfD in der Hamburgischen Bürgerschaft, Jörn Kruse, im März 2015 in Hamburg Bild: dpa

Im F.A.Z.-Gespräch erklärt der Hamburger AfD-Fraktionsvorsitzende Jörn Kruse, warum er die Partei verlässt – und die AfD im Osten nicht mehr für wählbar hält.

          Herr Kruse, Sie haben entschieden, den Vorsitz der AfD-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft aufzugeben und die Partei zu verlassen. Warum?

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Erstens wegen Chemnitz. Bei den Demonstrationen dort haben führende Mitglieder der AfD mit rechtsradikalen Leuten gemeinsame Sache gemacht. Das geschah nicht verdeckt, sondern ganz offen. Zweitens und fast noch wichtiger ist die Tatsache, dass man das vonseiten der Parteiführung hat geschehen lassen. Wenn es sofort eine öffentliche Disziplinierung gegeben hätte, hätte ich nicht so scharf reagiert. Die Bundesspitze war entweder führungsschwach, oder sie fand die Marschrichtung in Sachsen ganz in Ordnung. Wenn man aber zu so was schweigt, ist das schweigende Zustimmung.

          Ist Chemnitz eine Zäsur für die AfD?

          Ja – die zweite große Zäsur. Die erste war der Parteitag in Essen im Juli 2015. Da habe ich auch schon überlegt: Kannst du in dem Laden eigentlich bleiben?

          Sind in der AfD die Hemmungen gefallen, sich mit Extremisten einzulassen?

          So kann man das nicht sagen. Es gibt in der AfD immer noch eine Menge Leute, die seriöse, konservative, bürgerliche Leute sind. Die sich darüber genauso ärgern wie ich. Die das aber nicht nach außen sagen, aus verschiedenen Gründen – Solidarität, Parteiräson, Opportunismus. Ich kenne eine Menge Leute in der AfD, die immer noch daran arbeiten, dass wir eine vernünftige, bürgerliche Alternative werden. Ich habe das auch eine ganze Weile geglaubt. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, wo ich sage: Nee, Leute. Ich habe jetzt so lange Geduld gehabt. Chemnitz war zu viel.

          Sie haben die Parteivorsitzenden Jörg Meuthen und Alexander Gauland kürzlich eine E-Mail geschickt. Darin haben Sie beiden vorgeworfen, die Partei sei „völlig führungslos“. Den Landesvorsitzenden Andreas Kalbitz und Björn Höcke unterstellten sie „Nazi-Sprech“ und „Nazi-Jargon“. Gab es Reaktionen?

          Es gab verschiedene Reaktionen, positive und negative. Gestern hat mich Alexander Gauland angerufen und wir haben sachlich und gut miteinander gesprochen. Wir haben unterschiedliche Auffassungen über die Aufgaben eines Parteivorstandes. Er meint, alles laufen lassen zu müssen, auch in Sachsen. Ich meine, dass der Bundesvorstand an die Gesamtpartei denken muss. Die wird zur Zeit von Funktionären im Osten heftig beschädigt. Da sollte Führung gezeigt werden. Solche Konflikte sind nötig.

          Wo steht die AfD in fünf bis zehn Jahren, wenn es so weitergeht?

          Wenn sich nicht im Westen Leute zusammenfinden und massiv dagegenhalten, gibt es eine sehr klar vorgezeichnete Entwicklung, dass die Partei – angeführt von einigen im Osten – immer weiter nach rechts rutscht. Mittlerweile habe viele Leute, die eigentlich Sympathien für die AfD haben, Hemmungen, in die Partei einzutreten, weil sie sich nicht in einem bestimmten sozialen Umfeld bewegen wollen. Im Augenblick hat die AfD gute Ergebnisse als Protestpartei. Die Bürger wählen die AfD nicht, weil sie so toll ist, sondern um Protest gegen Angela Merkel und die große Koalition zum Ausdruck zu bringen. Das heißt aber, dass die Wählerstimmen weg sind, sobald auch Merkel weg ist und die CDU wieder eine konservative Politik macht. Dann wird man sehen, wie viel Substanz bei den AfD-Wählern noch da ist.

          Wie viel hat die heutige AfD noch mit der Partei zu tun, die Sie im Jahre 2013 mitgegründet haben?

          Ziemlich wenig. Damals wurde spöttisch gesagt, wir seien eine Professorenpartei. Gemeint waren damit Professoren für Volkswirtschaftslehre wie ich. Davon ist nichts mehr übrig, die Eurokrise ist heute kaum noch Thema, obwohl sie nicht gelöst ist. Die Grenzöffnung durch Merkel hat der Partei geholfen, dadurch kamen aber auch bestimmte Leute hinein. Von da an ist die Partei deutlich anders geworden.

          Kann man die AfD noch wählen?

          In Hamburg schon. Die AfD im Osten würde ich sicher nicht wählen, mit der Ausnahme von Berlin.

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