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Debatte um Organspende : Recht auf Leben geht vor Recht auf Schweigen

  • -Aktualisiert am

Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm Bild: dpa

Es gibt nicht genug Organspender. Warum die jetzt von Jens Spahn und Karl Lauterbach vorgeschlagene Widerspruchslösung der richtige Schritt ist – ein Gastbeitrag.

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          Mehr als 10.000 Menschen warten derzeit in Deutschland auf eine Organspende, allein 8000 brauchen eine Niere – das sind dreimal so viele Patienten wie Transplantate vermittelt werden können. Herz-, Nieren- und Leberpatienten müssen zum Teil wegen ihres schlechten Allgemeinzustandes von der Warteliste genommen werden; viele sterben, bevor ein Spenderorgan gefunden ist. Eine solche Situation können wir nicht länger akzeptieren.

          Es gibt zu wenige Organspender. Auch wenn ihre Zahl im vergangenen Jahr von 797 auf 955 gestiegen ist, muss etwas geschehen, damit in Deutschland dauerhaft mehr Menschen geholfen werden kann, die dringend auf ein fremdes Organ angewiesen sind. Der Deutsche Bundestag hat sich mit diesem Problem beschäftigt und sucht über Parteigrenzen hinweg nach Lösungen. Wir sind überzeugt, dass die Widerspruchslösung – von einigen auch als „Klarstellung“ bezeichnet, die vom Nationalen Ethikrat im Jahre 2007 sowie von Jens Spahn und Karl Lauterbach jetzt vorgeschlagen wurde, der richtige Schritt ist.

          Wir haben Verständnis für die Vorbehalte, die es sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung gegen diesen Vorschlag gibt. Viele Bedenken sind einer emotional geführten Debatte geschuldet. Es lohnt sich deshalb, genau hinzuschauen, worum es konkret bei der vom Bundestag zu treffenden Entscheidung geht:

          Thomas Oppermann (SPD) ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

          Die Organspende ist und bleibt in Deutschland ausschließlich im Fall des unwiderruflichen Ausfalls sämtlicher Hirnfunktionen erlaubt. Es geht jetzt darum, dass jeder für sich, bewusst und nach umfassender Aufklärung, klarstellt und entscheidet, ob er im Falle seines Hirntodes zu einer Organspende an Schwerstkranke bereit ist oder nicht. Wer nicht spenden möchte, kann das jederzeit der zuständigen Stelle ohne Angabe von Gründen mitteilen. Er widerspricht aktiv und spendet kein Organ. Wer nicht klarstellt, dass er widerspricht und sich nicht zu seiner Organspendenbereitschaft äußert, gilt als Spender. In diesem Fall können aber die Angehörigen ein Veto einlegen.

          Jeder sollte sich über eine so existenzielle Frage Gedanken machen. Die öffentliche Diskussion und Aufklärung ist Teil dieser Initiative. Das Recht auf Leben und Gesundheit der Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, ist von dieser Entscheidung abhängig.

          Detlev Ganten ist Präsident des World Health Summit.

          Rein juristisch kann man argumentieren: Der Staat hat eine Schutzpflicht für Leben und Gesundheit der Patienten, die auf der Warteliste der Deutschen Stiftung Organtransplantation stehen und auf die Transplantation einer Niere, einer Leber oder eines Herzen warten. Wer nicht spenden will, kann jederzeit widerrufen. Aber gibt es gegenüber 10000 Menschenleben auch ein schutzwürdiges Recht, keine Entscheidung zu treffen, in dieser Frage passiv zu bleiben? Wir meinen: Das Recht auf Leben, die Bitte um Hilfe, ist bei sorgfältiger Abwägung stärker zu gewichten als das Recht auf Schweigen. Eine persönliche Entscheidung sollten wir daher in einer so wichtigen Frage erwarten können.

          Es geht also um mehr als eine juristische Regelung: Die öffentliche Diskussion um die Rettung von Leben durch Organtransplantation wird angeregt, durch die Aufforderung sich selber aktiv dafür oder dagegen zu entscheiden. Umfragen und Erfahrungen in Deutschland und anderen Ländern zeigen, dass ein großer Teil der Bevölkerung bereit ist, seine Organe zu spenden, um damit Leben zu retten. Der weit überwiegende Teil der Bevölkerung steht Organspenden positiv gegenüber. Nur weichen viele Menschen der Entscheidung aus, ob sie im Falle ihres eigenen Todes zu einer Organspende bereit sind.

          Die von uns befürwortete Klarstellung der eigenen Position durch „Widerspruch“ würde die Organspende in den Versorgungsauftrag der Krankenhäuser aufnehmen und gleichzeitig eine Verbesserung der damit verbundenen Infrastruktur voranbringen. Das würde Ärzte und Pflegekräfte bei ihrer schwierigen Aufgabe, aber auch die Angehörigen bei ihrer Entscheidung, stark entlasten.

          Die Reform von Klinikstrukturen genügt nicht. Das zeigt die Erfahrung der Niederlande: Dort wurde innerhalb der letzten zehn Jahre die Verbesserung von Klinikstrukturen und Abläufen vorangetrieben. Dennoch stiegen die Organspende-Zahlen nicht wie erwartet. Das Parlament beschloss Anfang 2018 die Widerspruchslösung. Die Möglichkeit, sich bei Amtsgängen zu registrieren, wurde in Großbritannien probiert, brachte aber keine höheren Zustimmungsquoten. Das Unterhaus hat nun die Widerspruchslösung beschlossen.

          Das in der Widerspruchsregelung reflektierte gesellschaftliche Bekenntnis zur Organspende ist in Ländern wie Spanien und Belgien Grundlage und Triebkraft dafür, Transplantationsmedizin und Organspende organisatorisch und finanziell zu unterstützen. Es ist die Gemeinschaftsaufgabe, die auch Ärztinnen und Ärzte auf den Intensivstationen motiviert, potentielle Spenderorgane zu melden.

          Es gibt auch in Deutschland einen weitgehenden Konsens in Gesellschaft und Politik, die Organspende zu verbessern. Einige Abgeordnete wollen die sogenannte Entscheidungslösung weiterentwickeln. Dazu sollen die Bürger im Zuge von Behördengängen, etwa wenn sie einen Führerschein oder einen anderen Ausweis beantragen, zu ihrer Spendenbereitschaft befragt werden. Wir stehen diesem Vorschlag aus praktischen Gründen skeptisch gegenüber.

          Einerseits sollen Behördenangelegenheiten in Zukunft möglichst elektronisch, also ohne persönlichen Kontakt mit dem Amt, erledigt werden können. Zum anderen ist zweifelhaft, ob, ein aus Sicht vieler Bürger lästiger Behördengang das richtige Umfeld ist, sich mit einer so persönlichen Frage zu befassen. Wir halten die aktive Beteiligung an einer öffentlichen Diskussion und die persönliche aktive Entscheidung durch den Spenderausweis oder Klarstellung durch Widerspruch für den persönlicheren, direkteren, weniger bürokratischen Weg.

          Jeder von uns ist im Krankheitsfall ein potentieller Organempfänger – und könnte ein Organspender sein. Die Klarstellung der eigenen Position im Sinne der Widerspruchsregelung ist daher auch ein gesellschaftliches Bekenntnis zum Zusammenhalt, zur Solidarität und zur Nächstenliebe.

          Thomas Oppermann (SPD) ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages; Norbert Blüm (CDU) war Bundesarbeitsminister; Detlev Ganten ist Präsident des World Health Summit.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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