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Früherer SS-Wachmann angeklagt : Der Preis der späten Gerechtigkeit

Das Stutthof Museum im polnischen Sztutowo erinnert an die Verbrechen im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof. Bild: dpa

Vor Jahrzehnten hätte die Justiz Recht sprechen sollen zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager. Sie hat es nicht ausreichend getan. Nun steht wieder ein Greis vor Gericht, der als junger Mann SS-Wachmann war. Ist das gerecht? Ein Kommentar.

          Ein Greis, fast nur noch die Hülle eines langen Lebens, wird in Münster dieser Tage in den Gerichtssaal gerollt. Die Zuschauerreihen sind gut gefüllt, es ist der größte Saal, den das Gericht zu bieten hat. Der Mann war 18 Jahre alt, als er in seiner Heimat Siebenbürgen von der SS eingezogen wurde. Er kam nach Stutthof, ein kleines Konzentrationslager nahe Danzig, wo er in der Wachmannschaft Dienst tat. Er war der Jüngste dort.

          Dass ihn die SS vor eine Wahl gestellt hätte, ist nicht bekannt; auch nicht, dass er selbst gegen irgendeinen Menschen Hand angelegt hätte. In der (bisher wenig beachteten) Hölle von Stutthof, wo Zehntausende Menschen ermordet wurden, war er vielleicht einer der Harmlosesten. Und doch ist er es, der sich nun für Stutthof vor Gericht verantworten muss und nicht seine älteren Kameraden, die fast alle starben, ohne dass sie je von der Justiz behelligt wurden.

          Wo ist die Grenze?

          Vor ein paar Jahren hat die deutsche Justiz angefangen, die letzten SS-Männer vor Gericht zu stellen, derer sie noch habhaft wird. Über Jahrzehnte hatte es geheißen, das Tun der einfachen Wachleute der Konzentrationslager sei nicht strafbar, wenn ihnen keine eigenen Mordtaten nachzuweisen waren. Die Justiz ließ damals Milde walten, und sie hatte durchaus Gründe. War nicht das Unrecht dieser Männer verschwindend gering gegenüber dem der wirklichen Schlächter von Auschwitz? Hatten sie nicht auch gelitten, die besten Jahre ihres Lebens an diesen furchtbaren Orten zubringen müssen? Und waren sie nicht selbst Opfer der Umstände ihrer Zeit, in die sie nun mal hineingeboren waren?

          Wer kann sich schon aus der sicheren Distanz von Jahrzehnten Demokratie und Rechtsstaat erlauben, über einen jungen Mann zu richten, der damals von der SS zum Dienst gezwungen worden war? Vor allem aber: Wo ist die Grenze? Ist es gerecht, dass ein Wachmann von Stutthof angeklagt wird, nicht aber Reichsbahner, die genau wussten, was sie taten, als sie Züge voller Menschen in die Vernichtungslager fuhren? Und die Polizisten, die die Menschen zu den Sammelstellen für die Deportationszüge brachten? Und die, die zusahen? Auschwitz endete nicht an seinen Toren.

          Vor Jahrzehnten, als es eigentlich Zeit für diese Prozesse gewesen wäre, hat die Justiz sie nicht geführt, vielleicht auch, weil sie zu weit geführt hätten, nämlich in die Mitte der Gesellschaft. Damals waren das Land und seine Justiz dazu nicht bereit. Möglicherweise wären die Kosten zu hoch gewesen. Hunderttausende hätten vor Gericht gestellt werden können; Friede ist so schwer zu finden.

          Eine späte Genugtuung

          Heute tun die Prozesse niemandem mehr weh außer ein paar Greisen, die noch da sind, als wären sie aus ihrer Zeit gefallen. Die Justiz kann sich ohne große Schmerzen rehabilitieren. Heute fällt es leicht, mit dem Finger auf den SS-Mann in Münster zu zeigen und sich selbst auf der richtigen Seite der Geschichte zu wissen. Es kostet nichts mehr.

          Dennoch ist es richtig, diese Prozesse zu führen. Nicht nur für die Überlebenden, die Jahrzehnte mitansehen mussten, wie deutsche Staatsanwälte und Richter teils zynische Argumentationskonstrukte ersannen, um ihre Milde gegenüber den Tätern juristisch zu begründen. Für die wenigen noch Lebenden derer, die die Hölle der Konzentrationslager durchlitten haben, ist es eine späte Genugtuung, dass sich nun noch einmal deutsche Gerichte ihrer Schicksale annehmen. Die Überlebenden betonen stets, dass es nicht um Strafe geht, sondern um Urteile.

          Es ist die Aufgabe der Justiz, Recht zu sprechen. Und das hat sie zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager noch nicht ausreichend getan. Denn jeder, der eine Mordtat willentlich fördert, begeht Beihilfe. Jeder Wachmann der Konzentrationslager wusste, was drinnen geschah. Die Mordmaschinerie funktionierte nur deshalb, weil all die kleinen Zahnrädchen ihren Dienst taten. Wären die Wachmänner, die Lagerverwalter nicht gewesen, hätte es (womöglich) keine Vernichtungslager geben können. Dass nun gebrechliche Greise vor den Richter gezerrt werden, ist der Preis dafür, dass so lange mit der Gerechtigkeit gewartet worden ist.

          Den späten Prozessen wohnt die Gefahr inne, dass sich der Fokus immer mehr auf die Konzentrationslager reduziert und das Böse, dem man hier zum letzten Mal ins Auge zu blicken glaubt, gleichsam in den Lagern eingeschlossen wird, als hätte es all die Mitwirkenden draußen nicht gegeben. Doch in dem Blick auf die damals jüngsten Täter liegt auch eine Chance. Denn an ihnen ist zu sehen, dass das Menschheitsverbrechen der Vernichtungslager nicht nur von sadistischen Mördern begangen wurde, die ihren aufgestauten Hass ausleben konnten. Es waren zum großen Teil „normale“ Menschen, viele junge dabei, die in einer anderen Zeit vielleicht nie etwas Böses getan hätten.

          Das Schicksal hat sie in die Vernichtungslager gebracht, wo ihnen der Mut fehlte, nein zu sagen. Es wäre fraglos großer Mut erforderlich gewesen. So wurden sie zu Tätern. Darüber muss gerichtet werden, nicht über die Menschen, aber über ihre Taten, auch heute noch. Es sollte in größter Demut geschehen, da es nicht der eigene Mut war, der herausgefordert wurde.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

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