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Debatte um Integration : Deutsche und Passdeutsche

Mridula Singh, die aus Indien stammt, hält nach der Einbürgerungsfeier für mehr als 2200 Menschen in der Paulskirche in Frankfurt ihren Pass in die Kamera. Bild: dpa

Der Begriff „Passdeutsche“ soll ausdrücken, dass es Deutsche minderer Güte gebe – Staatsbürger, die fremd klingende Namen haben oder nicht hier geboren wurden. Hinter dem Wort steht ein hässliches Denken, das bekämpft werden muss.

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          Kaum jemand weiß heute noch, wer James Eric Drummond war, aber vor hundert Jahren konnten politisch Interessierte mit diesem Namen durchaus etwas anfangen: Der britische Adlige wurde nach 1918 Generalsekretär des neugegründeten Völkerbundes, auf Englisch „League of Nations“. Ziel des Völkerbunds war es, oder hätte es sein sollen, den Weltfrieden, die territoriale Integrität und die politische Unabhängigkeit seiner Mitgliedstaaten zu sichern. An dieser Aufgabe war er allerdings schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gescheitert.

          Eine Gleichberechtigung zwischen Staaten und Völkern konnte er noch weniger gewährleisten als heute die Vereinten Nationen, seine Nachfolgeorganisation. Zu viel vom Ungeist des 1918 beendeten Weltkrieges herrschte noch auf den Fluren des Völkerbundpalastes in Genf.

          „You are in the league, but you are not of the league“

          Ein besonders bösartiges Zitat von Generalsekretär Drummond illustriert das anschaulich. Zu den Deutschen, die erst nachträglich in den Völkerbund aufgenommen wurden, sagte Drummond herablassend: „You are in the league, but you are not of the league.“ Also ungefähr: Ihr seid Mitglied, gehört aber nicht dazu. Mit anderen Worten: Ihr könnt tun und lassen, was ihr wollt, wir werden euch nicht als Teil von uns akzeptieren.

          In Deutschland gibt es eine moderne Version von Drummonds perfidem Satz – die Rede von den „Passdeutschen“. Heute wird das Wort oft mit der AfD assoziiert, da deren Politiker es gern verwenden, doch es ist viel älter als die Partei. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) zum Beispiel taucht es, in einem ganz anderen Kontext allerdings, erstmals im Jahr 1972 auf. Eine eindeutig abwertende Färbung nahm der Begriff wohl erst um die Jahrtausendwende an.

          Heute soll er ausdrücken, dass es „echte Deutsche“ und Deutsche minderer Güte gebe. Das sind Staatsbürger, die selbst oder deren Vorfahren nicht hier geboren wurden, die fremdklingende Namen haben und die deshalb nicht wirklich dazugehören. Ganz gleich, was sie tun. You are in the league, but you are not of the league.

          Gut integrierte de Maizières

          Dabei gibt es einige ziemlich erfolgreiche Passdeutsche, nicht nur Fußballer. Der einstige Innenminister und Kanzleramtschef Thomas de Maizière, bei dem man ja schon am Nachnamen sieht, dass er kein echter Deutscher sein kann, gehört dazu. Seine Vorfahren sind im 17. Jahrhundert aus Frankreich geflüchtet. Zu de Maizières Gunsten muss allerdings gesagt werden, dass er passabel integriert wirkt, wie auch der Rest seiner weitverzweigten Sippe. Fälle von Bandenkriminalität oder Sozialbetrug sind nicht bekannt. Die de Maizières singen sogar die Hymne mit – und zwar nicht die Marseillaise, also ihre, sondern die richtige, also unsere.

          Was man von Hadschi Mesut Özil nicht sagen kann. Zwar hat sich die Sache mit dem Mitsingen durch seinen Rücktritt aus dem Nationalelftett ohnehin erledigt, nicht aber die Diskussion darüber, ob Özil Teil von Deutschland und Deutschland Teil von Özil sei. Für einige Bundestagsabgeordnete, deren Vorfahren schon mit deutschen Pässen in die Varusschlacht gezogen sind, gehört er nicht dazu. Für sie sind Landsleute wie Özil nur Passdeutsche, jetzt und immerdar. Man kann, ja man sollte Özil einiges vorwerfen, doch die Debatte um das Passdeutschtum hat etwas Befremdliches, potentiell sogar Gefährliches.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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