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Kommentar : Mehr Mut zum Wunschdenken

  • -Aktualisiert am

Ein Nichtraucher-Logo auf einer Glasscheibe auf dem Dach des Bundestages in Berlin Bild: dpa

Nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung. Schon gar nicht in der Politik. Aber wenn sich kluge Wünsche durchsetzen, profitieren am Ende alle.

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          Warum gehen Wünsche eigentlich nicht immer in Erfüllung? Das fragen sich viele Kinder. Manchmal wird auch im Gottesdienst darüber geredet – denn Erwachsene fragen sich das auch, nur nicht so offen. Ein Pfarrer antwortete, eigentlich sei es gut, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gingen. Denn nicht immer wisse man, ob das, was man sich wünsche, auch das Richtige sei. Woran merkt man nun, dass ein Wunsch richtig ist? Astrid Lindgren nennt die Erfüllung eines sehnlichen Wunsches „Seligkeitsding“. Es macht glücklich und friedlich. Das fühlt sich dann richtig an.

          In der Politik ist das ganz ähnlich. Nur dass sich hier die Wünsche der einen gegen die Wünsche der anderen richten können. Politiker müssen fähig dazu sein, kluge Wünsche zu formulieren, also Regelungen oder Gesetze, von denen alle etwas haben. Die können sogar radikal sein. Dass sie „richtig“ oder eben klug sind, erkennt man daran, dass niemand sie nach ihrer Umsetzung mehr in Frage stellt, auch wenn das zuvor viele für unmöglich gehalten haben.

          Das gelingt nicht oft, aber es gelingt. Zum Beispiel beim Schutz von Kindern vor Gewalt. Erst im Jahr 2000 wurde das „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ so formuliert, dass nun auch Eltern das Schlagen der eigenen Kinder verboten wurde. Lange hatte es als Elternrecht gegolten. Die „elterliche Gewalt“ ist in der Rechtsprechung der „elterlichen Sorge“ gewichen. Kritiker glaubten, Eltern würden dadurch kriminalisiert werden. Das ist nicht passiert. Stattdessen werden Kinder weniger geschlagen. Und niemand will das alte Züchtigungsrecht wieder zurückhaben.

          Auch das Dosenpfand war ein richtiger, aber höchst umstrittener Schritt. Noch in den neunziger Jahren waren die Gehwege überzogen mit Bonbonpapier, Kippen, Taschentüchern, Flaschen und Dosen. Die Leute ließen das einfach fallen, es gab auch kaum öffentliche Müllbehälter. Dass man verklebte Getränkedosen einmal ausspülen und gegen Geld in den Laden zurückbringen würde, war schlicht nicht vorstellbar. „Hä“?, fragen die Kinder heute, die das ganz normal finden.

          Rauch aus den Nasenlöchern

          Als der ehemalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin im Jahr 2003 das sogenannte Einwegpfand durchsetzte, nannte seine Vorgängerin Angela Merkel den Vorstoß „Schwachsinn“. Andere wollten ihn sogar vor das Haager Kriegsverbrechertribunal zerren. Angesichts drohender Klagen aus der Industrie hätten nicht viele darauf gewettet, dass Trittins Pfandregelung sich durchsetzen würde. Hat sie aber. Und auch wenn die Zahl der Dosen wieder steigt, wünscht sich heute niemand sieben Milliarden im Jahr davon zurück, schon gar nicht ohne Konzept, wie man sie verwerten kann.

          Mit dem Rauchverbot war es ähnlich. Früher wurde überall geraucht – und alle rauchten mit, die meisten passiv, vor allem eben die Kinder. In Fernsehrunden waren Zigaretten so selbstverständlich wie ein Glas Wasser. Heute wirkt es ungeheuer befremdlich, wie Talkshow-Gästen auf dem schwarzweißen Bildschirm der Rauch aus den Nasenlöchern dampfte.

          Am Kabinettstisch von Helmut Kohl ging das in Farbe weiter. Auch hier wurde dauergequarzt, die Herren Kohl und Biedenkopf nuckelten an ihrer Pfeife, Kohls Bürochefin zog an der Kippe. In jedem Restaurant, in jedem Wartezimmer, in Bussen und Bahnen, schlicht überall durfte geraucht werden. Sogar Nichtraucher hielten eine Party ohne Rauchen für fade. „Echt jetzt?“, fragen die Kinder heute. Und nicht einmal Raucher wünschen sich diese Zeit zurück.

          Beendet wurde sie auch nicht mit einem reinen Verbot, sondern mit dem „Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens“, das 2007 in Kraft trat. Kaum jemand hätte die Umsetzung für möglich gehalten. Noch knapp zehn Jahre zuvor war ein erstes Nichtraucherschutzgesetz im Bundestag abgelehnt worden. Dann aber machte Italien vor, wie es gehen kann, und verbannte das Rauchen aus dem öffentlichen Raum. Dieses Mal war die Initiative von der WHO ausgegangen. Das „Tabakrahmenübereinkommen“ trat 2005 in Kraft, 168 Länder haben es unterschrieben. Und sogar die Franzosen haben es vor den Deutschen umgesetzt. Der Zwang hat einen Kulturwandel in Gang gesetzt. So, wie es heute ist, fühlt es sich für die meisten richtig an.

          Es gibt auch Entwicklungen, die fühlen sich für viele falsch an. Manche verdienen aber Geld damit. So meinte die Sprecherin eines Unternehmens, das in Berlin öffentlich für Porno-Produkte warb, der öffentliche Raum sei nicht nur für Kinder da. Werbung etwa für die Marke „Dildo King“ ist in der Hauptstadt nicht ungewöhnlich. Und Alkohol ist allgegenwärtig, seit jeder sein „Weg-Bier“ in der Hand hält.

          Ein Kulturwandel für mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander hat auch mit menschlicher Intuition zu tun. Wünschen kann helfen, den Wandel zu befördern.

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