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Streit über Impfstoff : Warum die EU nur 200 Millionen Dosen bei Biontech orderte

Biontech-Mitgründer Ugur Sahin in einem TV-Interview Bild: Reuters

Der Biontech-Chef wundert sich über das Management der Corona-Pandemie in Europa. Doch die EU-Kommission hatte im Sommer gute Gründe für ihre Bestellpolitik.

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          Die EU-Kommission hat sich nicht grundlos entschieden, mit dem Mainzer Unternehmen Biontech einen Vertrag über nur 200 Millionen Einheiten des Corona-Impfstoffs abzuschließen, mit einer Option auf weitere 100 Millionen Dosen. Im Sommer, als die Vertragsverhandlungen begannen, konnte niemand vorhersehen, wie wirksam der Impfstoff sein würde und wie schnell er verfügbar sein könne. Man wollte daher nicht nur auf einen Impfstoff setzen, die EU-Behörde schloss Verträge mit sechs Unternehmen.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Auch der Preis könnte ein Argument gewesen sein, die Impfstoffe von Biontech gehören zu den teuersten. Vor allem osteuropäische Staaten sollen die Kommission gedrängt haben, weniger Impfstoff von Biontech und dafür mehr von Astra-Zeneca zu bestellen. Doch nun dauerten die Zulassungen der anderen Impfstoffe länger. Hierzulande ist der Impfstoff knapp, so dass die damalige Entscheidung der EU-Kommission zunehmend kritisiert wird.

          „Chaos schnell beenden“

          In dieser Debatte meldete sich nun Biontech-Chef Ugur Sahin zu Wort. Der Prozess in Europa sei wegen des Mitspracherechts der einzelnen Länder nicht so schnell und geradlinig abgelaufen wie in anderen Ländern, sagte der Krebsforscher dem Magazin „Der Spiegel“. Die EU habe zudem auch auf andere Hersteller gesetzt, die nun doch nicht so schnell liefern könnten. „Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle“, sagte Sahin. „Mich hat das gewundert.“

          Biontech sucht Kooperationspartner für den Ausbau der Produktion. „Aber es ist ja nicht so, als stünden überall in der Welt spezialisierte Fabriken ungenutzt herum, die von heute auf morgen Impfstoff in der nötigen Qualität herstellen könnten.“ Ende Januar soll es Klarheit geben, ob und wie viel mehr das Unternehmen produzieren kann. Die Produktionsstätte in Marburg werde früher bereit sein als geplant, vielleicht schon im Februar. Im ersten Halbjahr könne sie bis zu 250 Millionen Dosen herstellen.

          Die gemeinsame Bestellung des Impfstoffs durch die EU-Kommission sollte ein Signal sein, dass die Europäer bei der Bewältigung der Pandemie an einem Strang ziehen. Vor einigen Wochen sicherte sich die Bundesregierung dann aber doch 30 Millionen Dosen von Biontech auf Grundlage nationaler Vereinbarungen.

          Die unzureichende Menge an Impfstoff in Deutschland lieferte der SPD Grund für neuerliche Kritik an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, forderte Spahn auf, das „Chaos um die Lieferung und Verteilung des Impfstoffes“ schnell zu beenden. Spahn müsse auf einem Gipfel mit allen in Deutschland produzierenden pharmazeutischen Unternehmen klären, „welche Produktionsstätten bestehen und kurzfristig nutzbar gemacht werden können“, sagte Schneider. Bundesweit wurden bisher gut 166.000 Menschen gegen das Coronavirus geimpft.

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