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Arbeitsruhe : In der christlichen Tradition

Der Kölner Dom vor der Mitternachtsmette: An Heiligabend sind Gottesdienste verhältnismäßig voll. Doch an gewöhnlichen Sonntagen breitet sich oft Leere aus. (Archivbild) Bild: dpa

Heiligabend fällt auf einen Sonntag, und schon entbrennt die Debatte über Öffnungszeiten. Doch die Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft nötig.

          Am Heiligen Abend bis zum frühen Nachmittag noch schnell die letzten Lebensmittel einkaufen, obwohl er in diesem Jahr auf den vierten Adventsonntag fällt? Der Gesetzgeber macht es möglich. 2006 war die Regelung der Ladenöffnungszeiten im Zuge der Föderalismusreform vom Bund auf die Länder übergegangen. Viele von ihnen nutzten die neue Freiheit. Doch die Idee will in diesem Jahr nicht so recht zünden. Noch ehe die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in großem Stil mobil machen konnte, ließen die großen Discounter Aldi und Lidl Ende Oktober wissen, dass sie es ihren Mitarbeitern nicht zumuten wollten, nach dem letzten Adventssamstag auch noch am Sonntag anzutreten. Nanu?

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          An jedem Adventssonntag vom frühen Nachmittag bis in den Abend hinein nach Herzenslust einkaufen? Das wollten damals nur einige neue Länder und die rot-rote Regierung Berlins erlauben. 2009 kam das Bundesverfassungsgericht SPD und Linkspartei in die Quere. In einem wegweisenden Urteil verwarf es einen Teil der Berliner Gesetzesbestimmungen als verfassungswidrig. Die Schutzpflicht des Gesetzgebers für die Ausübung der Religionsfreiheit werde unterlaufen, wenn vier Sonntage am Stück von der Sonn- und Feiertagsgarantie des Grundgesetzes ausgenommen würden. Die evangelische und die katholische Kirche der Hauptstadt waren zufrieden. Ihre Verfassungsbeschwerde war erfolgreich.

          Warum wird für die Sonntagsruhe so gekämpft?

          Was für eine Allianz! Mögen den Kirchen und den Gewerkschaften auch die Mitglieder in Scharen weglaufen und -sterben, wenn es um die Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen geht, kämpfen beide Seit an Seit. Doch ist es nicht in Zeiten leerer Kirchen ein Anachronismus, den Sonntag als „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ für derart sakrosankt zu erklären, dass nicht auch diejenigen auf ihre Kosten kommen können, für die Shopping zu einer der liebsten Freizeitgewohnheiten geworden ist?

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          Und hat die Digitalisierung nicht unfaire Wettbewerbsverhältnisse mit sich gebracht, wenn Einzelhändler und Kaufhäuser sonntags schließen müssen, aber der OnlineHandel eine 24/7-Veranstaltung ist?

          Andere Länder handeln weniger strikt

          Es ist in der Tat erstaunlich, wie rigide die Ladenschluss- und Arbeitsschutzgesetze hierzulande immer noch sind – und wie eng die Gerichte sie in der Regel auslegen. Die Liste der vermeintlichen Manifestationen obrigkeitsstaatlicher Illiberalität ließe sich schnell verlängern. Tanzverbot an Karfreitag, kein Weihnachtsmarkt am Totensonntag... Sind andere europäische Länder wie Italien etwa weniger christlich oder wie Frankreich weniger sozial, weil sie den Bürgern an Sonn- und Feiertagen nicht bis ins Detail vorschreiben, was sie zu lassen haben?

          Eines sollte wenigstens hierzulande zu denken geben: Bis weit in die C-Parteien hinein wird in Sonntagsreden über den Zerfall identitätsstiftender Beziehungen im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen geklagt. Das hindert aber selbst die Unionsparteien wie jüngst in Nordrhein-Westfalen nicht daran, den tief in der abendländischen Kultur verwurzelten Rhythmus von Arbeit und Ruhe immer mehr der Beliebigkeit preiszugeben.

          Zwei Gründe für den Sonntag

          Jedoch sind die gesellschaftlichen Kosten kaum zu unterschätzen, wenn die Freizeitbedürfnisse der einen dazu führen, dass andere immer mehr „Arbeit für den Sonntag“ leisten müssen (wie es beschönigend heißt). Das sieht auch das Bundesverfassungsgericht so. Einerseits, so das Gericht in seiner Entscheidung aus dem Jahr 2009, sei dem Schutz der Sonn- und Feiertage durch die Verfassung „ein in der christlichen Tradition wurzelnder Gehalt eigen“.

          Doch gehe dieser Sinngehalt mit einer „dezidiert sozialen, weltlich-neutralen Zwecksetzung einher“: der synchronen Taktung der Zeit. Sie ist ein unabdingbares Element für die Wahrnehmung der verschiedenen Formen des sozialen Lebens, von der Familie bis zum Sport und – ja, auch des Kirchgangs an Sonn- und religiösen Feiertagen.

          Kirche spielt im Alltag nur geringe Rolle

          Dass dieser inzwischen selbst bei Katholiken derart aus der Übung gekommen ist, dass sich an gewöhnlichen Sonntagen in den Kirchen oft eine depressiv stimmende Leere breitmacht, kann also nicht dafür herhalten, die Arbeitsruhe an immer mehr Sonntagen zu durchbrechen. Vielmehr sollten gut besuchte Gottesdienste an Weihnachten oder in diesem Jahr auch am Reformationstag zu denken geben. Noch stehen die Kirchen, in denen über alle Generationen und Schichten hinweg gesungen, gebetet und gefeiert werden kann. Auch sie sind, wie der Sonn- und Feiertagsschutz, institutionelle Verbürgungen der Kultur unserer Gesellschaft.

          Für die Bischöfe und Theologen stellt sich allerdings die Frage, wie es um die christliche Botschaft und deren Vermittlung bestellt ist, wenn sie alltagskulturell von immer weniger Bürgern als sinnstiftend oder auch nur Orientierung bietend wahrgenommen wird. Als Moralagenturen, die ganzen Gesellschaften vorschreiben, was zu tun und zu lassen ist, haben die Kirchen gottlob ausgedient. Eine Religion, die sich in Ge- und Verboten erschöpft, ist eine Karikatur ihrer selbst. Glauben heißt, vom Heiligen ergriffen zu sein. Die Disposition dazu ist nicht nur, aber auch Menschenwerk. Man muss sich ergreifen lassen können. Der Rest ist Gnade. Vielleicht die eines Sonntags. Vielleicht die dieser Weihnacht.

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