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Netzaktivisten und Corona-App : Nerdrepublik Deutschland

Ein Hacker beim Kongress des Chaos Computer Clubs Bild: dpa

Hacker werden als Experten verehrt. Doch in Wahrheit sind es oftmals politische Aktivisten. Warum hört Deutschland auf sie?

          2 Min.

          Hacker werden als Experten verehrt. Sie verstehen, was das Internet zusammenhält, sie wissen, wie Computer funktionieren. Die Nerds vom Chaos Computer Club können uns sagen, ob ein Programm harmlos ist oder ein Einfallstor für finstere Mächte. In dieser Hinsicht ähneln sie den Virologen in der gegenwärtigen Krise. Unter Virologen und Politikern herrscht aber eine klare Arbeitsteilung: Die Wissenschaftler legen Studien vor, die Politiker entscheiden.

          Damit das funktioniert, dürfen die Virologen ihr Expertenwissen nicht missbrauchen, um eine politische Agenda voranzubringen. Sie dürfen also keine tendenziösen Studien vorlegen, damit Geschäfte oder Kindergärten schneller geöffnet werden. Das Gleiche muss für Hacker gelten. In Wirklichkeit betreiben diese aber ständig politischen Lobbyismus, zum Beispiel in Sachen Tracing-App.

          Es gab kaum erste Pläne, da spekulierte der Chaos Computer Club schon über Gefahren. Für den Verein und andere Netzaktivisten ist die App ein potentielles Überwachungsinstrument. Diese Meinung haben sie aber nicht auf ihre Verhältnismäßigkeit überprüft, schließlich wütet gerade eine Pandemie.

          Sie entspricht einfach ihrer politischen Gesinnung. Die Hacker sind oft libertär, manche sogar anarchistisch. Sie lehnen den Staat als Ordnungsmacht ab. Wenn dieser Daten sammeln will, ist ihnen das auch dann suspekt, wenn es Leben rettet.

          Die Hacker können es regnen lassen

          Die Bürger unterscheiden oft nicht zwischen der Expertise und dem Aktivismus der Hacker. Das ist ein Grund, warum die Nerds in Deutschland so viel Macht haben. Ein anderer ist, dass sie als Herrscher des Internets gelten, und damit auch des Shitstorms. Sie können es regnen lassen. Mit solchen Leuten möchte man sich nicht anlegen.

          Der letzte Grund für ihre Macht ist eine Querfront zwischen Linken und Liberalen. Die haben nämlich auch ein Problem damit, wenn der Staat Daten sammelt. Gemeinsam haben beide Lager jede vernünftige Diskussion über die Tracing-App abgewürgt und den Eindruck hinterlassen: Was die Regierung plane, sei gefährlich. Das hat viel Vertrauen zerstört. Danach argumentierten die Hacker, ohne Vertrauen werde die App niemand nutzen.

          Es hat dazu geführt, dass die Bundesregierung einknickte und nun eine zahnlose App programmieren lässt, die alles dem Nutzer überlässt. Er kann die App herunterladen oder nicht. Er kann andere warnen, wenn er infiziert ist, oder nicht. Er kann zuhause bleiben, wenn er vor einer Infektion gewarnt wurde, oder weiter im Bus zur Arbeit fahren. Man kann sich ausmalen, wie gut das funktionieren wird. Die Hacker behaupten, die Behörden hätten heimliche Absichten. In Wahrheit sind sie es, die ihre Motive offenlegen sollten.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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